Dienstag, 22. Dezember 2009

Eine warme Stube


Was braucht der Mensch mehr. Dazu noch ein schönes Essen mit lieben Freunden - wie man es sich zu Weihnachten halt so wünscht. Das mit der warmen Stube, oder besser dem warmen Haus hätten wir jetzt geschafft. Rechtzeitig vor Weihnachten und mit dem kalten Wetter hat Joachim es geschafft - die Heizung läuft. Das heißt, sie funktioniert. Gelaufen ist sie vorher. Aber jetzt ist alles dicht, wir müssen Weihnachten und in der Folgezeit nicht frieren. Schöne Aussichten also.
Der Blick aus dem Fenster zeigt (noch) den ersten Schnee. Und einige Minusgrade hatten wir auch - allerdings fiel das Thermometer hier nur bis minus 3 Grad. Dass es in anderen Regionen in Bulgarien deutlich kälter war haben wir allerdings auch verspürt. Denn wenn in vielen Teilen des Landes der Strom ausfällt, scheint das auch bei uns Auswirkungen zu haben, vielleicht durch Umverteilungen. Jedenfalls hatten wir in den vergangenen Tagen mehrfach täglich und auch des Nachts mal kürzere und mal längere Stromausfälle. Aber im Vorfeld von Weihnachten haben wir genügend Kerzen im Haus.
Dass bald Weihnachten ist merkten wir heute auch beim Einkaufen im benachbarten Städtchen Zarewo. Nicht nur an den vielen Leuten im Geschäft. Im kleinen Supermarkt erschien plötzlich eine mit bunten Mützen und farbig bebänderten Stäben ausgestattete Kindergruppe. Sie sagten einige Sprüche auf und sangen Weihnachtslieder und bekamen natürlich Süßigkeiten dafür. Auf der Straße dann eine Reihe von untergehakten jungen Männern in bulgarischen Trachten. Auch sie singend unterwegs. Ob das nun Koledari waren oder doch Kukeri, darüber konnten sich unsere Begleiter nicht einigen. Koledari, das sind die jungen Männer, die in der Weihnachtsnacht singend von Haus zu Haus ziehen und Segenssprüche erteilen. Die Kukeri sind dagegen vergleichbar den Fastnachtstänzern, wie sie in anderen europäischen Regionen Brauch sind. Wer auch immer sie waren - es ist schön, dass derartige Bräuche hier noch gepflegt werden.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Weihnachts-Festival in Sofia


Sofia lässt sich natürlich nicht nur wie ein Krimi erleben. Es gibt viel Spannendes,viel Schönes, viel Interessantes, viel Müll auch und kaputte Straßen, neue Häuser mit manchmal sogar spannender Architektur - und seit Anfang Dezember gibt es auch das koleden-Festival - das Weihnachts-Festival. Wir waren zur Eröffnung dort. Beim Anmarsch auf die weiße Zeltlandschaft in Sofias Innenstadt waren wir zuerst wenig begeistert - aus dem großen Zelt tönte uns laute Musik entgegen, die sehr laut und eher nach dem hier so beliebten Folk-Pop-Gemisch klang. Also gar nicht weihnachtlich.
Doch im Eingangsbereich dann, wir waren wirklich gerade richtig zur Eröffnung gekommen, sahen wir weiße, engelsgleiche Gestalten über die Menge schweben. Stelzenläufer boten ein schönes, fantasievolles Spektakel vor einem riesigen Weihnachtsbaum. Eine schöne Einstimmung aufs Fest. Vorbei an kleineren Zelten mit verschiedensten Marktangeboten ging es ins Festzelt. Zur Begrüßung gab es kostenlos Glühwein, und die Musik war plötzlich auch eine ganz andere. Ein recht großes Orchester spielte außer weihnachtlichen Weisen auch erfrischende klassische Märsche. Solcher Art in beschwingte Stimmung versetzt sahen wir uns an den Ständen um, die allesamt Kunsthandwerk präsentierten: Unter anderen ein Töpfer aus Gabrovo, Kupferschmiede, Textilgestalter. Zugegeben, für ein Festival noch ein recht bescheidenes Angebot, aber es ist das erste seiner Art. Und da es ein Erfolg zu werden scheint, werden in den nächsten Jahren die Schau- und Kaufangebote sicher auch noch umfangreicher werden.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Ein Reise-Krimi

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wir auch. Unsere Reise führte uns nach Sofia, Freunde besuchen und Arzt aufsuchen. Da die Freunde nur eine kleine Wohnung haben, mieteten wir uns in einem Hostel in der Nähe ein. Junge Leute haben hier mit viel Fantasie, viel Eigenleistung und geringen Mitteln eine große alte Stadtvilla in eine Jugendherberge umgewandelt. Einfach das alles, aber nicht ohne Witz und mit künstlerischer Attitüde. Im Keller gibt es außer dem Frühstücksraum auch kleine Aufenthaltsräume mit Bar und Spielmöglichkeiten und Platz für kleine Ausstellungen. Eine solche wurde auch am Abend vor unserer Abreise eröffnet. Es waren also viele Leute im Haus unterwegs und auch im kleinen Innenhof waren noch lange Gespräche zu hören. Nicht sehr laut und nicht sehr störend. (Ich war ohnehin wach da wieder einmal mit einer Darmverstimmung regelmäßig zwischen Bett und Toilette unterwegs).
Doch gegen drei Uhr wurden die Stimmen im Haus deutlich lauter und auch in den Räumen über uns entstand Bewegung. "Die kegeln wohl", vermutete der auch erwachte Jo. Aber ich hielt es eher für Möbelrücken. Als dann auch noch das Fenster laut aufgerissen wurde und die Stimmen über die Straße schallten, musste ich dann auch mal aus dem Fenster sehen. In dem Moment rieselte ein ganzer Schauer kleiner Steinchen und Putzstücke am Fenster vorbei auf die Straße. Halb vier dann laute Stimmen und Rufe auf der Straße. Ich also noch mal ans Fenster und rausgeguckt - und sah eine Mitarbeiterin des Hostels mit zwei Polizisten im Gespräch. ie schauten nach oben, von wo offenbar die lautere der Stimmen gekommen war. Also wohl doch Randale, die Polizei wird schon für Ruhe sorgen. Aber die sollte nicht eintreten. Ein großes Auto war wenig später zu hören, dann wieder Lärm unter unserem Fenster. An der nächsten Straßeneinmündung stand ein Feuerwehrauto und sperrte die Zufahrt ab. An der nächsten Straßeneinmündung stand ein Krankenwagen in Bereitschaft. Feuerwehrmänner stellten mittlerweile auf dem Fußweg ein Sprungtuch auf, das sich mit lautem Zischen aufblies. Erst jetzt begriffen wir, dass es wohl nicht schlechthin Randale war, sondern irgend jemand auf dem Dach stand. Als wir dann noch drei Polizisten die Treppe hinaufschleichen sahen mit schusssicheren Westen und der Pistole im Anschlag, zogen wir uns mal lieber ins Innere des Aufenthaltsraumes zurück. Zuvor zogen wir uns aber mal vorsichtshalber an und packten unsere Sachen. Die Polizisten allerdings kamen wenige Minuten später zurück. Das laute Möbelrücken diente also dazu, die Türen zu verbarrikadieren. Kurz und gut. Bis halb sechs konnten wir noch verfolgen, wie Polizei und Feuerwehr auf der Straße versuchte, mit dem da oben im Gespräch zu bleiben. Erst zu der Zeit gelang es der Polizei - wieder bewaffnet - sich gemeinsam mit Feuerwehrleuten Zugang zu den Räumen in der oberen Etage zu verschaffen.
Wenig später rumpelte es auf dem Dach über uns und ein Schleifgeräusch war zu hören. Kurz darauf kamen die Polisten, einen in eine dicke Jacke gehüllten Mann zwischen sich. Er trug schon Handschellen. Vor dem Haus gab es dann noch ein kurzes Gespräch, wir hörten ihn klagen und jammern. Leider ist unser Bulgarisch zu schlecht um auch nur ein wenig vom Gespräch zu verstehen. Gegen 6.30 Uhr war dann endlich Ruhe und wir beschlossen, uns noch eine Stunde aufs Bett zu legen. Bei der Schlüsseabgabe dann -kein Wort der Erklärung, keine Entschuldigung, als wäre nichts geschehen. So haben wir natürlich auch nicht erfahren, was wirklich passiert war. Nur ein Selbstmörder, oder war er gar bewaffnet oder hatte damit gedroht? Oder sogar eine Geisel? Viel Platz für Spekulationen für uns.
Ein unschönes Erlebnis, das auch gute Seiten offenbarte. So hat uns der doch sehr ruhig verlaufende Einsatz von Polizei und Feuerwehr gefallen. Kein Sirenenlärm weckte die Anwohner, kein Blaulichtgeflacker lockte Neugierige oder gar Kamerateams oder Fotografen an. Nichts deutete darauf hin, dass hier Ungewöhnliches, vielleicht gar Spektakuläres passierte.

Donnerstag, 26. November 2009

Hoch-Zeit für die Fischer


Endlich Fisch, und davon auch jede Menge. Nachdem die hiesigen Fischer (und welcher Mann zählt sich hier nicht dazu) im September und Oktober vergeblich auf große Fänge von Palamud (eine kleine Thunfischart) gewartet haben, gibt es nun endlich ausreichend Fisch. Jetzt ist Zeit für Safrid, das sind kleine, sardinenähnliche Fische, die zur Zeit in großen Schwärmen in Küstennähe zu finden sind. Eingekreist von jeder Menge kleiner Fischerboote. Denn wenn auch nur die geringste Aussicht auf Fisch besteht gehen die Männer mit allem was schwimmt, und wenn es eine Badewanne ist, aufs Wasser. Viele ehemalige Küstenbewohner kommen an den Wochenenden aus Sofia oder anderen Städten angereist, weil sich den Fischfang keiner entgehen lassen will. Eine Leidenschaft, die auch ihre Schattenseiten hat. Denn mittlerweile gibt es rund ums Schwarze Meer wahrscheinlich schon längst mehr Boote und Netze als dem Fischbestand gut tut. Kontrollen scheint es keine zu geben und gefischt wird alles was an den Haken oder ins Netz oder vor die Harpune kommt. Dass nun schon das zweite Jahr so gut wie kein Palamud mehr gefangen wird dürfte also kein Zufall sein. Irgendwann macht sich die Überfischung bemerkbar. Haifische oder Rochen, die noch in den 70er/80er Jahren in großen Mengen gefangen wurden, werden kaum noch gefunden. Sicher ist der Fisch ein schönes und oft wohl auch notwendiges zusätzliches Einkommen für die Menschen hier. Aber wenn nicht bald Vernunft einzieht und dem unkontrollierten Fang Einhalt geboten wird dürfte das Schwarze Meer bald leergefischt sein. Was natürlich kaum ein Einheimischer glaubt. Die Berufs- und Hobby-Fischer in allen Orten entlang der südlichen Schwarzmeerküste haben schon vor Wochen ihre Netze vorbereitet in Erwartung des großen Fangs. Und seit einer reichlichen Woche ist es nun so weit. Tag für Tag fahren sie hinaus und kehren mit reicher Beute zurück. Die kleinen Fischlein werden verkauft und von den Einheimischen eingesalzen, eingesäuert, getrocknet, mit Gewürzen eingekocht oder auch einfach nur ganz frisch in die Pfanne oder auf den Grill gelegt. Eigentlich sind wir ja keine Freunde von so kleinen Fischen, aber versuchen wollten wir es doch auch mal. Und siehe, so ganz frisch aus der Pfanne schmecken sie köstlich. Einige haben wir auch gesalzen und in den Rauch gehängt - eine Delikatesse. Mit unseren Räucherversuchen begeistern wir auch die Einheimischen - und das obwohl wir Deutschen für bulgarische Verhältnisse einfach zu wenig Salz verwenden. Aber Nachsalzen geht ja immer.

Schweinegrippe zum Zweiten

Gestern waren wir gemeinsam mit Denka in Burgas. Sie wollte Ilija im Krankenhaus besuchen. Auf die Station durfte sie bisher nicht, dort ist alles für Besucher gesperrt, wegen der Schweinegrippe. Nur des Besuches wegen ist sie nicht dort gewesen. Vor allem wollte oder besser musste sie ihrem Mann Geld bringen. Gebühren für Krankenhausaufenthalt und Medikamente mussten bezahlt werden. Das Krankenhaus kostet pro Tag 6 Lewa, also etwa 3 Euro. Die Kosten für Medikamente betrugen bisher 100 Lewa. Eigentlich unerschwinglich für jemanden, der im Monat nicht mal 200 Lewa verdient. Aber wir hatten ihnen zugesagt, dass sie sich des Geldes wegen keine Gedanken machen müssen. Seine Gesundheit ist jetzt wichtiger. Nach Hause kann er aber noch nicht. Die Lunge ist immer noch nicht in Ordnung. Eine ausgewachsene Lungenentzündung dauert eben etwas länger. Zwei Tage später, hatte der Arzt ihm gesagt, und ihm wäre nicht mehr zu helfen gewesen. Aber nahezu ohne Geld, und jedes Medikament, jede Röntgenaufnahme, jede spezielle Untersuchung kostet - da müssen in diesem Land viele auch in Notfällen überlegen, ob sie sich einen Arzt, geschweige einen Krankenhausaufenthalt leisten können.
Ach ja, wir hatten Ilija gleich am ersten Tag 20 Lewa dagelassen für Getränke und sonstige Ausgaben. 7 davon hat er gleich erst mal in ein Fieberthermometer investiert - davon hat das Krankenhaus nicht genug.

Mittwoch, 18. November 2009

Schweinegrippe auch hier

Vor zwei Tagen kam Denka zu uns: ob wir Ilija zum Arzt in den Nachbarort fahren können. Denka und Ilija sind Freunde von uns. Sie gehören zur Minderheit der Roma. Seit wir - damals noch als Urlauber - hier unseren Wohnwagen fest installiert haben, helfen sie uns auf dem Grundstück, im Garten, beim Bauen, versorgen unsere Pferdchen. Na klar helfen wir da auch ihnen. Dass Ilija krank war wussten wir schon - Grippe. Jetzt hatte sich sein Zustand stark verschlechtert. Der Arzt untersuchte ihn und empfahl dringend eine Röntgenaufnahme. Das gehört aber nicht zum normalen Versicherungsumfang sondern muss selbst bezahlt werden. 30 Lewa, das sind rund 15 Euro. Das Geld hat Ilija nicht. Seit fünf Monaten arbeitet er als Gemeindearbeiter, dafür bekommt er knapp 200 Lewa im Monat. Natürlich haben wir ihm in dieser Situation auch mit Geld ausgeholfen. Die Röntgenaufnahme zeigte einen alarmierenden Zustand: Lungenentzündung, Wasser in der Lunge. Sofort ins Krankenhaus nach Burgas, forderte der Arzt. Aber: Ilija ist erst seit fünf Monaten beschäftigt und damit auch erst seit fünf Monaten krankenversichert. Und da hat er weder Anspruch auf einen Krankentransport noch auf den Krankenhausaufenthalt. Es sei denn, er bezahlt beides selbst. Aber wovon? Es gab auch noch einen anderen Weg: bei der Krankenversicherung in Burgas die fehlenden Monate nachbezahlen. Wir haben das gern für Ilija übernommen, die Beiträge sind nicht sehr hoch. von 200 Lewa im Monat, die mit Mühe fürs Essen der Familie reichen, aber nicht zum Nachzahlen von mehr als 100 Lewa.
Im Krankenhaus bekam er Medikamente, kam an den Tropf. Die Behandlung ist in Ordnung, sagt sein erwachsener Sohn. Er liegt mit den gleichen Symptomen schon einige Tage länger im Krankenhaus. Für ihn hat die Nachzahlung der Krankenversicherung sein Chef übernommen. Auch er war noch kein Jahr beschäftigt.
Wir wissen nicht, wie viele Leute in Bulgarien von der Schweinegrippe betroffen sind. Es müssen viele sein, die Schulen im Land waren jetzt wegen der vielen Erkrankungen mehr als eine Woche geschlossen. Wir wissen auch nicht, wie viele Erkrankte überhaupt nicht erst zum Arzt gehen, weil sie keine Krankenversicherung haben. So weit wir informiert sind, ist eine Behandlung in der Notfallambulanz kostenlos. Aber jede weitere Arztkonsultation, jeder Medikamentenkauf muss bezahlt werden. Das dürften sich hier in der Region nicht allzu viele leisten können. Besonders die Roma, die in den vergangenen Jahren auf Baustellen gearbeitet haben (die meisten schwarz und also nicht versichert) sind durch die längst auch in Bulgarien angekommene Krise so gut wie alle ohne Arbeit.

Samstag, 7. November 2009

Das war heute das reinste Strandwetter


Hier nun endlich mal wieder eine Wortmeldung aus Bulgarien. Lange genug hat es ja gedauert. Aber es war mal wieder eine ereignisreiche Zeit. Erst "Heimaturlaub" in Deutschland, dann liebe Freunde aus Gera hier zu Besuch. Mit ihnen wandern im Strandja und Kurzvisite in Geras Partnerstadt Sliven - dazu demnächst hier mehr.

Nach Annis und Bernds Abreise erst mal ein wenig ausruhen. Dann wieder Freunde aus Sofia hier. Und zwischendurch für Jo Heizung bauen im Haus, für mich Garten umgestalten. Letzteres aber erst ab dieser Woche so richtig, denn vorher hatten wir hier jede Menge Regen. Und kalt war es auch. Aber seit einigen Tagen haben wir wieder viel Sonnenschein und Temperaturen bis 20 Grad. In der Sonne noch höher, aber da war es heute Mittag kaum zum Aushalten. Die Schwalben haben davon nichts mehr. Die sind seit Ende September nach und nach davongeflogen. In der vergangenen Woche sind auch die vielen Stare verschwunden. Der Wein ist geerntet und damit ihre herbstliche Hauptnahrungsquelle versiegt. Da muss man machen dass man woanders was findet.


Die Einheimischen können das nicht. Viele von ihnen sind ohne Arbeit. Die Krise hat auch hier in Bulgarien voll zugeschlagen. Vor allem die Roma trifft es stark. Die meisten von ihnen sind ohne Beruf, haben in den vergangenen Jahren vor allem auf den vielen Baustellen entlang der Küste oder in den großen Städte gearbeitet. Aber viele Baustellen können wegen fehlender Kredite nicht weitergeführt werden. Neue gibt es aus dem gleichen Grund auch nicht. Oder höchstens vereinzelt. Auch hier im Ort ist einiges ins Stocken geraten. Da sich die Ferienwohnungen der angefangenen Häuser nicht verkaufen lassen, ist kein Geld zum Weiterbau da. Dass die Bauwut entlang der Küste erst mal gestoppt wurde ist gut. Viele der Bauwerke, bei deren Planung das Wort Architektur offenbar ein Unwort war, sind einfalls- und geschmacklose Betonklötze. Die Küste wurde zubetoniert wie das auch in vielen anderen Ländern schon passiert ist. Jetzt setzt, so hoffen wir, auch mal Nachdenken ein. Aber die Leute sind ohne Arbeit. Und das ist die unschöne Kehrseite der Krise. Da die meisten ohnehin schwarz gearbeitet haben bekommen sie natürlich auch kein Arbeitslosengeld. Ein harter Winter steht den meisten Menschen in Bulgarien bevor.

Montag, 21. September 2009

Der Herbst steht auf der Leiter


Und die Schwalben sitzen auf allen verfügbaren Leitungen. Worauf haben sie eigentlich gesessen, als Strom- und Telefonkabel noch nicht erfunden waren?

Wie dem auch sei, bis gestern jedenfalls saßen Dutzende von Schwalben auf allen Leitungsdrähten rund um unser Haus. Wenn sie sich in der aufgehenden Sonne ausreichend erwärmt hatten flogen sie in großen Schwärmen mit aufgeregtem Gezwitzscher über uns hinweg - Flugübungen waren angesagt. Anschließend wurden den ganzen Tag über Insekten gejagt. Doch heute morgen war es verdächtig still. Alle Leitungsdrähte und auch der Himmel über uns blieben auffällig leer. Die große Reise hat also begonnen. Die beiden Störche, die im Dorf gebrütet haben, sind mit ihren beiden Jungen schon seit etwa zwei Wochen davongezogen. In Burgas haben wir zu der Zeit einige große Storchenschwärme aufsteigen sehen.


Und auch eine andere Vogelart hat die Reise nach Afrika angetreten. Sie waren uns bereits im Frühjahr aufgefallen. Ende April überflogen immer wieder kleine Vogelgruppen das Dorf. Sie fielen eigentlich nur auf durch ihre unaufhörlichen aufgeregten Rufe während des Fluges. Als dann mal zwei auf der benachbarten Zypresse eine kurze Rast einlegten konnten wir sie endlich auch bestimmen: Gelbe Halsflecken, türkisblauer Bauch, rötlicher Rücken - das konnten nur Bienenfresser sein. Vor einer Woche nun sahen und vor allem hörten wir immer neue Gruppen von ihnen über dem Dorf und den angrenzenden Wiesen. Die Gruppen sind ziemlich klein, zwischen zehn und 20 Vögel konnten wir jeweils beobachten. Sie ließen sich Zeit bei ihrem Zug, über den großen freien Flächen rund ums Dorf fanden sie jede Menge Insekten - noch mal richtig sattfressen vor dem Flug in arabische und afrikanische Länder.


Gestört wurde diese fröhlich zwitschernde Gesellschaft eigentlich nur den gelegentlichen Schüssen in den angrenzenden Wäldchen. Die Jagdsaison hat begonnen. Bereits am 8. August, wie die Medien vermeldeten. Die Jagd, so war zu lesen, ist außerordentlich wichtig für Bulgarien. Können sich die Wildtiere doch ungehemmt vermehren und große Schäden in den Wäldern anrichten. Und um diesen Schäden vorzubeugen beginnt die Jagdsaison, so war zu lesen, traditionell mit der Vogeljagd. Weil die Vögel wahrscheinlich unaufhörlich ganze Wälder kahlschlagen.


Die Jäger, die scharenweise jedes kleine Wäldchen heimsuchen, jedenfalls waren ein Grund, warum wir bei unserer jüngsten Pilzsuche nicht so weit in den Wald gingen. Weiß man, wie gut so ein Schießwütiger sieht und worauf er am Ende alles schießt? Wir haben die Beobachtung gemacht, dass in Bulgarien wahrscheinlich jeder zweite Mann bewaffnet ist. Kontrollen scheint es wenig zu geben. Der zweite Grund für die abgebrochene Pilzsuche waren aber auch die noch fehlenden Pilze.


Und noch ein kleiner Nachtrag zum Thema Jagd: Auf einer Internetseite eines Naturschutzvereines fand die ich freudige Mitteilung, dass die ungehemmte Jagd auf Vögel in Italien in den letzten Jahren erfreulicherweise zurückgegangen sei. Ich kann mir vorstellen warum: zahlreiche Italiener jagen jetzt in den bulgarischen Gebieten.

Dienstag, 1. September 2009

Da war die Freude groß

Nasch dom (unser Haus) in "Nasch Dom", einem bulgarischem Lifestyle-Magazin veröffentlicht. Na, da war die Freude groß. So schöne Fotos hatten wir von unserem Häuschen bisher noch nicht gesehen. Da sieht man halt doch, was ein Profi-Fotograf ist. Ende Juni war er mit einer Journalistin bei uns aufgetaucht und wollte sich mal unser Haus ansehen. Die beiden gehörten zu einem Filmteam, das in Warwara in einer Bucht an der Steilküste für einen Kinderfilm drehte. Und bei ihrem Aufenthalt hier hatten sie das Haus gesehen und interessierten sich dafür, wer ein für diese Region traditionelles Haus auch in dieser Tradition bewahrt und wie es zugleich modernen Wohnansprüchen angepasst wurde.

Das Haus, oder besser der Haustyp hat eine ganz eigene Geschichte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es auf dem Balkan neue Grenzfestlegungen mit mehreren "Gebietsbereinigungen". Das bedeutete konkret, dass beispielsweise die in der Region von Ahtopol ansässigen Griechen nach Griechenland umgesiedelt wurden. Dafür mussten Bulgaren, die auf türkischem oder griechischem Gebiet lebten, ihre dortige Heimat verlassen. Auch entlang der südlichen Schwarzmeerküste entstanden in Bulgarien neue Ansiedlungen. Die Vertriebenen bekamen ein Stück Land, auf dem sie eine neue Existenz begründen konnten. Eine überaus arme Existenz, denn sie hatten ja nur mitnehmen können was sie oder was der Eselskarren tragen konnte. Die Großmutter unserer Freunde in Ahtopol hat uns an ihrem 100. Geburtstag ein wenig von diesem Schicksal erzählt. 1912, da war sie 12 Jahre alt, musste sie mit ihrer Familie ihr Häuschen verlassen. Der Ort liegt heute auf türkischem Gebiet, unweit der bulgarisch-türkischen Grenze. Sie packten ihre wenigen Habseligkeiten, vieles mussten sie zurücklassen im kleinen Häuschen. Bevor sie loszogen in eine ungewisse Zukunft vergrub der Vater ganz in der Nähe des Hauses unter einem Baum den Hausschlüssel. Er zeigte den beiden Töchtern den Platz, damit sie ihn wiederfinden. Falls sie einmal zurückkommen würden. Zurückgekommen ist sie nie wieder, auch ihre Kinder und Enkel haben den Ort nie besucht.

Damit sich die vielen Vertriebenen auf bulgarischem Boden ein neues Häuschen bauen konnten gründete ein französischer Unternehmer, Rene Sharon, zu Beginn der 20er Jahre einen Fonds, aus dem günstige Baudarlehen gewährt wurden. Die Häuser, die mit diesem Geld gebaut wurden, hatten alle das gleiche Aussehen. Eingeschossige Häuser mit zwei Zimmern und einer Küche. Der Eingangsbereich des Hauses war mit einer dreibogigen offenen Loggia versehen. Diese Art Häuser, von denen es allerdings nur noch wenige gibt, heißen bis heute die Sharonne-Häuser. Bei unserem Umbau zum Ferienhaus haben wir den alten Grundriss beibehalten, nur die Aufteilung der Innenräume verändert. Und das, die Bewahrung der Tradition, die Bewahrung eines Stückes Geschichte dieser Region, hat dem Fotografen und der Journalistin so gut gefallen, dass sie es mit einer Fotoreportage festhalten wollten.

Und wir zeigen nun natürlich ziemlich stolz die Zeitschrift herum.

Freitag, 21. August 2009

Lebensweisheit oder Aberglaube?

Gestern war mal wieder Strandtag. Das machen wir nicht jeden Tag, schließlich sind wir hier nicht im Urlaub sondern auf der Rentnerbank. Und Rentneralltag ist auch Arbeit.
Bei diesem Strandtag wollten wir wieder einmal einen entfernteren Küstenabschnitt besuchen - die schöne Sandbucht von Silistra. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer bis zur türkischen Grenze und der Strand gehörte zu sozialistischen Zeiten zum gesperrten Gebiet. Als wir nach der Wende das erste mal dorthin kamen erschien die ganzze Gegend wie gerade aus dem Dornröschenschlaf erwacht - malerische einsame Buchten zwischen den Klippen der Steilküste. Inzwischen ist aber auch hier der Kommerz eingezogen. Für das Parken werden 4 Lewa (etwa zwei Euro) verlangt, und auch die Hälfte des Strandes ist mit kostenpflichtigen Liegen und Sonnenschirmen besetzt. Doch die Bucht, rechts und links eingerahmt von Steilküste, ist immer noch schön.
An einem der Felsen allerdings fanden wir eine Gedenktafel. Vier Fotos und die Namen von vier jungen Leuten künden von einem schweren Unfall, der sich vor einem Jahr hier ereignete. Bei starkem Wind und entsprechend hohen Wellen war ein Mädchen von den Klippen gestürzt. Sie schaffte es nicht allein, gegen die Wellen anzukämpfen. Drei Männer wollten ihr zur Hilfe kommen, doch auch sie hatten zwischen den Klippen gegen die starke Brandung keine Chance.
Anfang August waren wir mit unserer Freundin Maria im Auto unterwegs. Wir sprachen darüber, dass sich über Nacht das Wetter verändert hatte - Wolken, starker Wind und hohe Wellen. Das sei oft so am 2. August, sagte uns Maria. An dem Tag ändert sich das Wetter an der Küste. Und an diesem Tag soll man nicht ins Meer gehen, denn da holt es sich seine Opfer. Die Tafel am Strand von Silistar zeigt als Datum des tragischen Unfalls den 2. August 2008.

Samstag, 15. August 2009

Maria Himmelfahrt

Dieser Tag war heute. Sicher, wir hatten das irgendwo schon mal gelesen. Aber die Bedeutung dieses Tages wurde uns erst heute bewusst. Durch unsere Sofioter Freunde, die zur Zeit natürlich auch am Schwarzen Meer sind. Großmutter und Enkeltochter heißen beide Maria. Und das ist natürlich ein Grund zum Feiern. Mariä Himmelfahrt - das ist für beide der Namenstag und der wird in Bulgarien - und sicher nicht nur dort - mindestens genauso gefeiert wie der Geburtstag. Freunde kommen zum Gratulieren, gemeinsam wurde auch bei unseren Freunden Kaffee getrunken und eine große Torte verzehrt.
Doch nicht nur die Leute, die Maria heißen feiern diesen Tag. Auch viele andere gehen in die Kirche und besuchen die Kapellen, die der Muttergottes gewidmet sind. Blumen werden gebracht und Kerzen angezündet. Der Tag war früher gar so wichtig, dass es nicht erlaubt war zu arbeiten. Aber dieser Brauch wird heuzutage nicht mehr geübt.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Eine große Nachtmusik

Oder besser gesagt, gleich mehrere große Nachtmusiken haben wir uns im Juli in den Garten geholt. Als erstes besuchten uns der Gadulka-Spieler Gero und der singende Ilija. Mit dem traditionellen Instrument und Ilijas unvergleichlicher Stimme machten sie uns mit Strandja-Liedern bekannt. Erst konzertant, dann wurde, wie könnte es in Bulgarien anders sein, zur Musik getanzt.
Die zweite große Nachtmusik spielte ein ganzes Kammerorchester. Leider nur per Beamer auf der Leinwand, denn mit dem Besuch des gesamten Orchesters hatte es leider nicht geklappt. Die Idee zum Konzert hatte Georgi Kalaidjiev. Der bulgarische Geiger lebt seit vielen Jahren in Gießen und musiziert am dortigen Stadttheater. Daneben hat er vor zehn Jahren das Kammerorchester Studio Konzertante gegründet. Das Jubiläum wurde in Gießen mit einem Konzert gefeiert, dessen Erlös Kinderprojekten in Kalaidshiews Heimatstadt Sliven zugute kommen soll.

Eigentlich wollten die Kammermusiker ja alle gemeinsam nach Bulgarien kommen, aber das hat leider nicht geklappt. Aber vier weitere Musiker aus Deutschland, drei von ihnen Laien, sind mitgekommen. Und gemeinsam hören und sehen wir nun auf der Leinwand das Jubiläumskonzert. Begleitet wird das Konzert von unseren Musikern aus der Kleinen Nachtmusik - den Fröschen, Unken, Grillen, Käuzchen, Katzen. Und manchmal bellt ein Hund und meldet sich ein Esel - begeistert vom Konzert, versteht sich. Ein eindrucksvolles Erlebnis für uns alle war es auf jeden Fall. Und nun wird geplant, damit es vielleicht im kommenden Jahr mit einem Live-Konzert deutscher Musiker im kleinen bulgarischen Varvara klappt. Hier hatten sich schon vielen drauf gefreut.

Ein weiteres Konzert gab es für die deutschen Gäste wenige Tage später. In der zauberhaften Kulisse am Paraklis von Varvara spielten ihnen einheimische Roma auf der Klarinette, der Gajda, trommelnd und singend traditionelle Roma- und Strandja-Musik, ein bisschen wurde es auch zur Jazz-Session. Und der schottische Musiker Peter Sanders aus Gießen probierte sich auf der Gajda, dem Dudelsack.

Dazu gab es bulgarisches Essen und bulgarischen Rakia - ein Fest für alle Sinne also.

Montag, 6. Juli 2009

Bulgarien hat gewählt. Das neue Parlament, die neue Regierung werden auch diesmal nicht die vorherigen sein. Die Wiederwahl hat hier noch keine Regierung geschafft. Wohl wegen der vielen ungelösten Probleme, die es im Land gibt. Da werden die Wähler ungeduldig. Sie erwarten von jeder Regierung schnelle Lösungen, vor allem die schnelle Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Die letzte Regierung ist vor allem daran gescheitert, dass sie das Problem der Korruption und der schamlosen Bereicherung von Politikern und Gangstern nicht in den Griff bekam - oder es nicht in den Griff kriegen wollte. Sicher gab es nach der Sperrung von EU-Geldern etliche Strafverfolgungen. Aber das betraf in der Regel eher die kleinen Korrupten und Korrumpierten. Stellvertreterprozesse sozusagen, etwas zum Vorzeigen. So richtig durchgegriffen hat die Regierung nicht. Mit wem auch, korrumpiert wurde und wird überall - bei Politikern und Staatsangestellten ebenso wie in der Polizei und Justiz. Und wie ist das doch mit der Krähe...?

Warten wir es ab, was die neue Regierung leisten wird. Hehre Versprechungen, gegen Korruption und Kriminalität energisch vorzugehen, gab es zuhauf von der Partei GERB, die nun auf Grund eben dieser Versprechungen gewählt wurde. Was davon wahr gemacht wird, ist eher ungewiss. Zumindest weiss der neue Mann an der Spitze Bulgariens, Boiko Borissow, sehr gut, gegen wen er eigentlich "energisch" vorgehen muss - als einstiger Chef einer großen Security-Firma hat er sowohl Politiker als auch Mafia-Bosse beschützt, wie es in vielen Veröffentlichungen zu lesen ist. Er kennt sie also bestens. Zu gut vielleicht, um wirklich etwas unternehmen zu können - und zu wollen? Am ehesten wird es auch nach dieser Wahl wohl auf das gleiche hinauslaufen wie bei den vorhergegangenen. Mit der neuen Regierung kommen viele neue Leute an einflussreiche Stellen. Und diese Leute wollen auch etwas abhaben vom Kuchen, der auch in Bulgarien zu verteilen ist. Und deren Familien wollen natürlich auch ein ganzes Stück Reichtum, den auch die EU ins Land bringt, abbekommen. Und dann noch diverse Freunde und Geldgeber im Wahlkampf und, und und...

So zumindest war es bei den bisherigen Regierungen. Aber warten wir es ab, was der so vollmundig auftretende Herr Borissow alles an Überraschungen parat hat. Unsere bulgarischen Freunde, so entnahmen wir es gestern abend vielen Geprächen, setzen große Hoffnungen auf ihn. Auf wen auch sonst. Mit nahezu allen anderen größeren Parteien hatten sie es ja schon versucht. GERB ist ist neu, vor zwei Jahren erst gegründet. Mit dem von Anfang an betonten Ziel, an der EU-Mitgliedschaft festhalten zu wollen. Die EU sei unverzichtbar für Bulgarien. Das

stimmt. Und sei es nur dafür, Schwarzbauten wie den hier gezeigten - mitten auf die Steilküste und hinein ins Naturschutzgebiet - durch EU-Mittel mit der noch erforderlichen Infrastruktur zu versorgen.

Aber warten wir es ab. 100 Tage Schonfrist gibt man neuen Leuten in einem solchen Amt. Ich gebe Herrn Borissow ein halbes Jahr. Schauen wir mal, was bis dahin so neues läuft im Lande Bulgarien.

Montag, 29. Juni 2009

Eine kleine Nachtmusik



In der Abenddämmerung geht es los - das durchaus lautstarke Konzert der Grillen. Ihr Grillen, Zirpen, Knarzen und helles Singen erschallt aus allen Richtungen: von unserer Wiese, aus den Blumenrabatten, von den Bäumen und natürlich aus den verwilderten Nachbargärten.


Sie gönnen sich keine Pause, finden aber Verstärkung. Aus dem kleinen Bachlauf melden sich lautstark die Frösche, ergänzen das Zirpen mit Gequak in verschiedenen Höhenlagen. Dazwischen ertönen schrille Rufe einiger Steinkäuze. Und für eine stimmungsvolle Beleuchtung ist auch gesorgt - vom teifdunkelblauen Himmel leuchten undglaublich viele Sterne. In Konkurrenz zu diesem Leuchten ziehen zahlreiche Glühwürmchen über die Wiese und senden hektisch blinkende Morsezeichen aus.

Vor unserer Abreise im vergangenen Jahr wurden wir gefragt, ob wir die Kulturlandschaft unserer alten Heimat nicht vermissen werden. Bei derartigen Erlebnissen - stellt sich da die Frage wirklich noch?


Wir genießen diese stillen Abende. Noch bis Mitte Juli wird es so bleiben. Auch jetzt sind schon einige Urlauber da, aber nur wenige. Einige junge Eltern oder auch Großeltern mit kleineren Kindern. Die Ferien für die Grundschüler beginnen bereits Mitte Juni. An den Wochenende belebt es sich ein wenig mehr, da kommen viele Bulgaren zu einem Kurzurlaub. Doch die richtige Urlaubszeit beginnt Mitte Juli, wenn dann alle Schulen und auch die Universitäten Ferien haben. Dann fängt auch für die Bulgaren, die eine Arbeit haben und sich einen Urlaub leisten können, die schönste Zeit des Jahres. Und dann wird es ein wenig lauter auch bei uns im Dorf. In den Gaststätten herrscht dann Hochbetrieb bis spät in die Nacht. Doch bis dahin werden wir die stillen Abende noch ausgiebig genießen.

Samstag, 9. Mai 2009

Drachentöter, Kriegerpatron und Schutzheiliger der Zigeuner

In Deutschland ist der Georgstag vielerorts vor allem durch die Georgsritte im Gespräch. Der Heilige Georg - bekannt als Drachentöter, wobei der Drache als Symbol für das Böse, das Heidnische steht. Mit dem Töten des Drachen hat Georg, der übrigens aus Südkappadokien stammte, das Böse überwunden, die Menschen davon befreit und sie zur Taufe aufgefordert. Georg der Drachentöter, bekant auch als Schutzpatron der Pferde. Deshalb die Ritte am Georgstag, der am 23. April begangen wird. Der Heilige Georg ist Schutzpatron etlicher Länder - unter anderem Englands und Georgiens - und er schützt auch gegen diverse Unbill - neben Herpes unter anderem auch gegen Kriegsgefahren. Und er ist der Heilige der Ritter und der Kriegsleute.
Der Georgstag ist in Bulgarien ein staatlicher Feiertag, der hier allerdings nach dem alten Kalender am 6. Mai begangen wird. Nicht nur des Heiligen Georg wird durch die bulgarische Kirche an diesem Tag gedacht, er ist auch Fest- und Feiertag des Heldenmutes und der Streitkräfte und wird entsprechend mit Militärparaden und kernigen Reden begangen.
Wir erlebten in unserem kleinen Warwara allerdings einen ganz anderen Georgstag - den der hier ansässigen Romafamilien. Das Georgsfest gehört zu den großen Feiertagen der Roma. Sie sehen den Heiligen Georg als ihren Schutzheiligen an. Und der wird mit dem wohl größten Fest geehrt das die Roma feiern. Wohl keine Familie, die zu diesem Anlass nicht ein Schaf schlachtet und gut gewürzt im Lehmofen bäckt. Mit dem gegarten Schaf, diversen anderen Speisen und natürlich Getränken, mit Kind und Kegel ziehen die Familien auf eine große Wiese am Ortsrand von Warwara. Dort sind bereits Tische, Stühle, Bänke aufgebaut, die bald von den Familien und ihren Gästen besetzt sind. Auf einer Seite des Festplatzes hat sich ein LKW aufgebaut, auf dessen Ladefläche große Verstärkerboxen. Drei Musiker sorgen für stimmungsvolle Unterhaltung. Von Mittag an wird nun getafelt und gezecht, getanzt und gesungen. Das Schöne in Warwara auch an diesem Georgstag - hier feiern Zigeunerfamilien und Bulgaren gemeinsam. Auch der Ortsbürgermeister lässt es sich nicht nehmen, den ganzen Nachmittag dabei zu sein.
Wir brechen mit Denka und Ilija am späten Nachmittag auf in das Strandja-Dorf Rosen. Die Familie von Ilijas Bruder wohnt dort - und dort gibt es das größte Romafest der Region. Als wir ankommen sind wir verblüfft. Rund um eine große Wiese reiht sich Zelt an Zelt, die meisten halbrund gewölbt in traditioneller Zigeunermanier aufgestellt. Hinter den Zelten allerdings nicht mehr der traditionelle Planwagen oder die Karuza, heute stehen hinter den Zelten mehr oder minder moderne Autos. Viele der hiesigen Zigeuner haben feste Wohnorte, kleine Häuschen. Sie arbeiten in der Landwirtschaft, im Forst, auf dem Bau, während der Feriensaison auch in der Gastronomie.
Mehr als 800 Leute sind in Rosen angereist, um den Georgstag gemeinsam zu feiern. Und nicht nur diesen, hier geht das Fest drei Tage lang - mit lehmofengebackenem Schaf, mit Musik, Gesang und Tanz.

Freitag, 1. Mai 2009

Heraus zum 1. Mai




Zünftige Marschmusik und die Klänge der Internationale schreckten uns aus unserer mittäglichen Lethargie. Wir glaubten nicht recht zu hören - eine Maidemo in unserem kleinen Warwara? Eine Gruppe von Freunden hatte sich einen kleinen Spaß gemacht, alte Uniformteile angezogen, Orden angelegt und den kleinen Umzug organisiert.


Der 1. Mai ist schließlich nicht nur ein Feier-, sondern auch ein Kampftag. Doch als wir die Musik erreichten, war der kämpferische Teil schon vorbei, die Teilnehmer ließen sich nieder zur zünftigen Maifeier. In deren Verlauf waren auch immer weniger Kampflieder zu hören, die Unterhaltungsmusik gewann die Oberhand bis schließlich die Feiernden selber stimmungsvolle Weisen sangen. Und das ist eben bulgarisch - hier singt man noch die alten Lieder wenn gefeiert wird. "Mit Arbeit und Gesang ist das Leben leicht" heiß es nicht zufällig auf einem Transparent.


Jetzt ist erst mal ein langes Wochenende angesagt. Der 1. Mai ist auch in Bulgarien ein Feiertag. Und am 6. Mai ist der nächste Feiertag angesagt. Der St.-Georgstag ist in Bulgarien ebenfalls gesetzlicher Feiertag. Es wird des heiligen Georg gedacht, und der Tag ist zugleich der Tag der Tapferkeit und der Armee. Ganz besonders intensiv feiern diesen Tag offenbar die bulgarischen Roma. Wir sind bei Denka und Ilija eingeladen. Die Familien treffen sich am Rande des Dorfes. Tradition ist es, dass jede Familie ein Schaf schlachtet, Getränke gibt es natürlich auch ausreichend. Aber nicht für mich. Ich wurde beauftragt, als Chauffeur zu fungieren. Am späten Nachmittag wollen wir in ein benachbartes Dorf fahren. Dort ist ein richtiges großes Zigeunertreffen - mit traditioneller Musik und Tanz. Wir sind schon sehr gespannt.

Montag, 20. April 2009

Ostern zum Zweiten

Christos woskresen - Christus ist auferstanden. So begrüßen sich in der Osternacht die orthodoxen Gläubigen in Bulgarien. Kurz vor Mitternacht sind auch wir in die kleine Kirche in Warwara aufgebrochen. Die ist schon gut gefüllt von Einheimischen und ihren Angehörigen, die Ostern im Heimatort verbringen. Einen Gottesdienst wie an vielen anderen Orten gibt es hier nicht. Die erst 2005 fertig gestellte kleine Kirche hat keinen eigenen Priester. So hören die versammelten Gläubigen liturgische Gesänge von Christi Tod und Auferstehung. Sie zünden Kerzen an. Um Mitternacht ertönt die Kirchenglocke, eine Frau ruft: Christos woskresen, Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden, erwidern die anderen. Dann verlassen sie mit den brennenden Kerzen die Kirche, umkreisen sie drei Mal. Danach freudige Begegnungen der Menschen untereinander, sie umarmen und küssen sich und tauschen gute Wünsche aus: Christus ist gestorben und er ist auferstanden, seine Auferstehung bringt die Hoffnung für das nächste Jahr. Gemeinsam mit den anderen machen auch wir uns auf den Heimweg und nehmen mit den brennenden Kerzen das Heilige Licht mit nach Hause.
Der Ostersonntag ist ein Tag des Feierns. Auch wir sind mit Freunden zum nahegelegenen Paraklis gezogen, schwer beladen mit mit allem, was zu einem guten bulgarischen Osterfest gehört: Osterbrot, ein gefärbtes Ei in der Mitte, viele bunte Ostereier, ein im Lehmofen gebackenes Osterlamm, das in unserem Fall aber ein Zicklein war. Und jede Menge Getränke natürlich. Denka und Ilija, eine Roma-Familie, haben gebacken und das Zicklein im Lehmofen gebacken, Wir steuern deutschen Kartoffelsalat bei.
Viele Familien sind zum Paraklis gekommen, vor allem auch einige Roma-Familien. Sie alle haben nicht nur viel Gute Laune, sondern auch traditionelle Musikinstrumente mitgebracht. Gemeinsam wird gegessen und getrunken. Und ein alter Brauch gepflegt: Die Ostereier werden aneinandergeschlagen. Wessen Ei dabei nicht zerbricht, dem sind Glück und Gesundheit gewiss im neuen Jahr. Vom späten morgen bis zum frühen Abend sitzen wir so zusammen - essend, trinkend, ein wenig redend auch (unser Bulgarisch ist leider noch sehr dürftig). Und dann auch musizierend. Den Auftakt machen Micha und Stefan mit Klarinette und Trommeln. Micha kennen wir schon, als er noch ein Halbwüchsiger war: schon damals spielte er vorzüglich Klarinette. Gero hat seine Gadulka mitgebracht, eine Art Geige mit 13 Saiten, die meisterhaft spielt. Ilija singt dazu mit seiner schönen Stimme traditionelle Lieder. Später kommt Tapa, auch ein Roma aus dem Dorf, mit der Gajda dazu, dem bulgarischen Dudelsack. Sie alle sind Laien, die meisten von ihnen haben sich das Musizieren selbst beigebracht. Aber was siel leisten ist beeindruckend, wir sind von dieser Musik und der Musikalität der Menschen immer wieder begeistert. Schade dass wir sie hier nicht zu Gehör bringen können.
Am Abend dann haben viele Bulgaren weiter gefeiert - wir brauchten erst mal Erholung.
Heute, am bulgarischen Ostermontag, haben wir noch einen Ausflug ins Strandja-Gebirge gemacht, das unmittelbar an Warwara grenzt. Wir haben ein Kraut gesammelt, Samardala genannt. Es ist in etwa das, was den Deutschen der Bärlauch. Samardala wächst ebenfalls im Wald, ist ein Zwiebelgewächs, ähnlich dem Allium , und die Blätter schmecken herrlich scharf nach Knoblauch. In meinem Garten wächst es übrigens auch - der schönen Blüten wegen, die demnächst aufgehen.

Samstag, 11. April 2009

Oster-Überraschungen


Dieses Osterfest überrascht uns auf viele Weise. Nicht mit Überraschungseiern, sondern mit Tieren. Am Gründonnerstag ging es los. Schon die ganze Woche gehen wir jeden Morgen Richtung Küste, wo unsere Pferde stehen. Unsere Stute Arizonka erwartet ein Fohlen. Am Gründonnerstag dann die Überraschung - nein, Fohlen noch nicht da. Aber auf dem Wasser ist Bewegung. Das werden doch nicht...? Doch es sind - Delphine, eine ganze Schule. Dicht vor der Küste schwimmen sie, tauchen aus dem Wasser auf, springen gelegentlich. Da ist die Freude groß, denn seit vergangenem Juni haben wir in unserem Abschnitt der Schwarzmeerküste nicht einmal welche zu sehen gekriegt. Und nun gleich sechs oder sieben. Da kommt Freude auf. Beweist es uns doch, dass es noch welche gibt im Schwarzen Meer. Und wo Delphine leben, da gibt es auch Fische. Auch daran begannen wir schon zu zweifeln. Denn bei gelegentlichen Tauch- und Schnorchelgängen erschien uns das Meer zumindest küstennah ziemlich leer. Leergefischt, aber sicher auch leer wegen der doch erheblichen Verschmutzung des Wassers. Denn nach wie vor geht ein nicht geringer Teil der Abwässer der Küstenorte ziemlich ungeklärt ins Meer. In unserem Dorf sehen - und riechen - wir das täglich. Doch die Delphine zeigen, dass noch Hoffnung ist. Hoffnung auch in einer anderen Hinsicht: Wie wir gelesen haben erhält Bulgarien Mittel aus der EU auch für den Bau von Kläranlagen. Und unsere Hoffnung ist groß, dass nicht alles in den großen Taschen von Politikern und Baumafia verschwindet.
Und heute nun unsere zweite große Osterüberraschung: das Fohlen ist da. Als wir auf die Weide kamen war es schon geboren. Doch dann sahen wir - es ist eine ganz andere Stute, die da ein Fohlen hat. Erst als unsere Arizonka kein Brot fressen wollte sondern in Richtung des Fohlens lief wurden wir stutzig. Und stellten fest, dass die Stute mit dem frischgeborenen Fohlen gar keine Stute war - sondern ein Kerl. Und der beschützte das Fohlen als wäre er die Mutter. Und das winzige Kerlchen dachte das wahrscheinlich auch. Da beide versuchten wegzulaufen als wir auch sie zugingen und wir auch Arizonka nicht vom Strick bekamen, haben wir Ilija und Denka geholt, zwei Roma aus dem Dorf, die uns im Garten helfen und unsere Pferde betreuen und uns auch gute Freunde geworden sind. Gemeinsam veranstalteten wir dann eine wilde Jagd über den Acker, Arizonka immer dabei. Die hat dann das Fohlen vom Kid- oder Rossnapper abgedrängt. Aber der - ein Wallach - wollte das nicht einsehen und sein Kind wiederhaben. Da sich dann auch noch Arizonka losgerissen hat und mit dem kleinen Fohlen weglief, ihr Sohn aus dem vorigen Jahr immer mittendrin, habe ich Ilija vorgeschlagen, das Kleine ins Auto zu stecken. Was schließlich auch gelang. Er also mit Arizonka am Strick und Alaska hinterher zu Fuß ins Dorf, wir anderen samt Pferdebaby im Auto hinterher. Jetzt stehen Arizonka und der Kleine - Artus haben wir ihn getauft, weil er schon so früh ein großer Kämpfer sein musste - im Garten nebenan. Wir hatten einen schönen Nachmittag mit den beiden. Erst war das gute Kind ja ein wenig verwirrt und suchte auf wackligen Beinchen an allen Enden seiner Mutter nach der Milch nur lange nicht am richtigen - aber dann hat er alles gefunden, hat viel geschlafen, viel getrunken und ist auch schon wie wild durch den Garten gerast. Jetzt hoffen wir, dass er die anstrengenden ersten Stunden seines Lebens gut verkraftet und ein großes, gesundes Pferd wird.
Und zu guter Letzt wurden wir auch noch mit Gesang und Tanz überrascht. Bunt geschmückte Mädchen aus dem Dorf zogen singend und tanzend durch die Straßen und in die Häuser. Die Mädchen werden Lazarki genannt und feiern des Lazarustag, der in Bulgarien eine Woche vor dem orthodoxen Osterfest begangen wird. Die Mädchen erbitten mit ihren Liedern Glück und eine reiche Ernte.

Sonntag, 5. April 2009

Kulinarisches Erlebnis


Da kommen ja fast heimatliche Gefühle auf - jetzt gibt es Kaufland also auch in Burgas. Zur Eröffnung waren wir nicht da, das wollten wir uns nicht antun. Aber nach dieser Eröffnung kursierten bei uns im Dorf die abenteuerlichsten Gerüchte über den neuen und riesigen Supermarkt - Brot und Milch kosten dort nicht mal die Hälfte vom sonst üblichen Preis. Keine falschen Hoffnungen, mussten wir Freunden sagen. Aber solche Angebote gibt es wirklich nur an den Eröffnungstagen. Und danach kostet es das gleiche wie überall sonst. Also kann man auch weiterhin in dem kleinen Supermarkt der Nachbarstadt einkaufen. Oder in einem der kleinen "Tante-Emma-Läden" bei uns im Dorf. Für viele Bewohner hier auf Grund des fehlenden oder nur äußerst dürftigen Einkommens ohnehin die einzig mögliche Wahl. Denn davon kann man sich nur das unbedingt Lebensnotwendige leisten.


Wir haben es uns aber doch nicht nehmen lassen dem altbekannten Markenzeichen zu folgen. Und hatten, neben dem wirklich guten Angebot und der augenscheinlich guten Schulung der vielen Verkäuferinnen, auch noch ein besonderes kulinarisches Erlebnis. Gleich neben dem Eingang gibt es einen Imbiss. Und an dem neben den traditionell üblichen Kebabtschi und Kjuften auch - Tjuringer, Thüringer Roster. Frisch gebraten im Brötchen, zur Auswahl mit Senf oder Ketchup. Sie sahen aus wie echt, schmeckten auch ganz gut, aber ans Original reichten sie dann doch nicht ran. Stellt sich mir die Frage: Dürfen die denn Würstchen als Thüringer verkaufen, die eigentlich bulgarisch sind?


Wie dem auch sei, wieder in Burgas werden wir auch wieder bulgarisch-thüringer Würstchen essen. Bis dahin bereiten wir uns auch Ostern vor. Das können wir in diesem Jahr gleich zweimal feiern. Einmal am kommenden Wochenende. Und am Wochenende darauf, also am 19. April, ist für uns noch mal Ostern. An dem Tag nämlich feiern die Bulgaren das orthodoxe Osterfest. Auch hier natürlich zuerst ein religiöses Fest, das seinen Auftakt am Vorabend des Ostersonntags in der Kirche findet. Daneben ist das Osterfest aber auch hier ein Frühlingsfest mit traditionellen Bräuchen und selbstverständlich Ostereiern. Wir sind schon sehr gespannt. Für unser Osterfest haben wir Freunde eingeladen zum gemeinsamen Feiern. Und unser Garten ist - ganz in deutscher Tradition - schon mit bunten Plastikeiern geschmückt. Das ist hier nicht üblich.

Mittwoch, 25. März 2009

Die Störche sind da


Heute vormittag kreisten sie plötzlich über unserem Dorf - hunderte Störche in mehreren Schwärmen. Als ich die ersten sah hielt ich erst noch für Möwen - bis es immer mehr wurden. Warwara - das Dorf liegt ziemlich weit im Süden der bulgarischen Schwarzmeerküste. Von hier ist es nicht mehr weit bis zur türkischen Grenze. Und aus Süden, also aus der Türkei, kamen die Störche geflogen auf ihrem Zug in die sommerlichen Brutgebiete im Norden. Im Herbst hatten wir in vergangenen Jahren, wenn wir Ende September im Urlaub hier waren, schon solch großen Storchschwärme gesehen, die auf ihrem Zug zum Überwintern nach Süden waren. Nun also erstmals die andere Richtung.

Dieser Teil der Schwarzmeerküste liegt an einer der großen Vogelzugrouten, der osteuropäischen Route "via ponticum". In der Nähe von Burgas gibt es zahlreiche Seen und ausgedehnte sumpfige Gebiete, ideale Rastplätze für Zugvögel. Störche sind nicht die einzigen, die hier in der Gegend Rast machen auf ihrem Weg ins Brutgebiet. Krauskopfpelikane haben wir dort auch schon gesehen, bevor sie im Herbst weiterzogen in südlichere Gefilde. Hier leben aber auch mehrere Reiherarten, zahlreiche Entenvögel, aber auch viele Raubvögel.

Dass die Störche ausgerechnet heute erschienen sind hat noch eine ganz besondere, etwas mystische Bedeutung. Heute feiert die bulgarische orthodoxe Kirche Mariä Verkündigung. Dieser Tag ist außer in seiner christlichen Bedeutung noch mit zahlreichen heidnischen Bäuchen verbunden. So sagt der Volksmund, dass heute auch der Tag ist, an dem die ersten Zugvögel zurückkehren und der Kuckuck ruft. Den haben wir nicht gehört, aber dafür jede Menge Zugvögel gesehen. Vielleicht sind ja auch die darunter, die wir Jahr für Jahr an ihren Brutplätzen in Deutschland gesehen haben. Die ersten Störchen sind es freilich nicht, die in diesem Jahre zurückkehren. Bereits Anfang März sind die ersten Schwärme über Burgas gesichtet und von Mitarbeitern der Vogel-Beobachtungsstation Poda am Stadtrand von Burgas auch fotografiert worden. Das Naturschutzzentrum Poda wurde 1997 mit finanzieller Unterstützung eines bulgarisch-schweizerischen Programmes zur Erhaltung der Artenvielfalt errichtet. Naturfreunden bietet es hervorrangede Beobachtungsbedingungen von seinen Dachterrassen, von denen aus man einen guten Blick in die Sumpf- und Seenlandschaft am Stadtrand von Burgas hat. Dabei kann Poda noch mit einer Besonderheit aufwarten: Von hier aus lassen sich ganz prima auch die großen Kormorankolonien beim Brüten beobachten, die ihre Nester auf großen stillgelegten Strommasten bauen - das ist weltweit einmalig. Wer mehr über das Naturschutzzentrum wissen will, es hat auch eine deutschsprachige Internetseite:. http://www.bspb-poda.de/

Montag, 16. März 2009

Heute ist Backtag


Bei unseren Urlaubsaufenthalten im Ausland waren wir immer neugierig auf das landestypische Essen. Und in den meisten Fällen waren wir auch begeistert und nicht besonders scharf auf Hotel-Einheits-Kost. Deshalb wurde auch bei Hotelaufenthalten meist nur mit Frühstück gebucht. Alles andere haben wir selbst organisiert, meist in den kleinen Restaurants oder Imbiss-Ständen, in denen sich's die Einheimischen schmecken ließen. Dort sah es nicht immer einladend aus, aber köstlich war es immer. Und wir hatten von dem Essen nie Verdauungs- oder andere Probleme. Aber eins habe ich nach einigen Tagen immer vermisst - richtiges schönes Bäckerbrot in allen Farbschattierungen vom Mischbrot bis zum dunklen Roggenvollkornbrot. Hier in Bulgarien geht es uns auch so - man kann hier durchaus ganz wunderbares lockeres, wohlschmeckendes Weißbrot kaufen. Aber nach zwei Wochen will man mal ein kräftiges herzhaftes dunkles Brot. Wir sind es halt so gewöhnt. Es ist vielleicht drei Jahre her, da sah ich in einem Laden in Burgas ein dunkles Kastenbrot und war glücklich. Beim Reinbeißen weniger - Weibrot, mit was weiß ich welchem Farbstoff auf dunkelbraun getrimmt.
Mit der Wurst ist es ähnlich. Die kräftigen Gewürze, der andere Geschmack - ganz vorzüglich. Bis der Appetit auf eine richtige Leberwurstschnitte kommt. Aber so was ist hier nicht üblich und also auch nicht oder nur schwer zu bekommen. Also selbst ist der Mann meinte mein Mann, da werden wir unser Brot eben selber backen. Und kaufte erst mal einen Brotbackautomaten und fertige Brotmehlmischungen, weil das mit dem kompletten Selberbacken doch ziemlich aufwendig und die Hausfrau so viel Hausfrau doch nicht ist. Aber auch das Brot für die nicht ganz so fleißigen aus dem Automaten schmeckt, hat man erst mal die richtigen Mehlmischungen gefunden, fast wie vom Bäcker. Als zweites baute der Hausmann einen kleinen Räucherofen (siehe Foto). Dort werden jetzt beispielsweise Speck und Schinken selbst geräuchert. Schinken gibt es hier selbstverständlich auch in den unterschiedlichsten Varianten, aber die meisten Sorten sind ziemlich stark gesalzen. Und Speck heißt hier Slanina - das heißt so viel wie in Salzlake eingelegt. Geräuchert wird er im Allgemeinen nicht. Aber auch für Makrele, Forelle und sonstige diverse Fischarten eignet sich das Räucherhäuschen ausgezeichnet. Doch demnächst, so die Ankündigung, wird gleich neben das Räucherhaus ein kleiner Backofen gebaut - da heißt es dann doch noch selber backen lernen. Ach ja, Leberwurst haben wir auch schon selbst hergestellt - wegen der Leberwurstschnitten.

Donnerstag, 12. März 2009

Preis der Buchmesse für (Anti?)Bulgarien-Buch

Na das ist ja eine Überraschung, die ich da dank Internetradio live miterleben konnte: Für ihren Roman "Apostoloff " hat die Sibylle Lewitscharoff soeben den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die in Stuttgart geborene Autorin mit bulgarischen Wurzeln erzählt in dem Roman von der Reise zweier in Deutschland lebender Schwestern in die Heimat ihres bulgarischen Vaters. Für die jüngere der Schwestern wird die Reise zu einer Abrechnung mit ihrem Vater und ihrem Vaterland. Eine Familiengeschichte voller bissigem Witz, umwerfender Komik und schwarzem Humor. Eine, wie den Rezensionen zu entnehmen ist, durchaus nicht freundliche Abrechnung. Lewitscharoff zeigt stellenweise offenbar genau das auf, das so viele an diesem doch schönen Land Bulgarien so stört: Eine ungezügelte Bauwut, die das Land verschandelt, eine überwiegend erschreckend geschmacklose Architektur, Schmutz in allen Ecken .... Es soll auch schon Anfragen bulgarischer Verlage geben, die das Buch offenbar in bulgarischer Übersetzung herausbringen wollen. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen, werde es mir aber wohl so schnell wie möglich besorgen. Aber da die Buchversandhäuser nicht hierher liefern, wird das wohl aufgeschoben werden müssen bis zur nächsten Deutschlandreise.

Sonntag, 8. März 2009

Frauentag und Marteniza

Heute gab es in usnerem kleinen Warwara eine Frauentagsfeier. Der Internationale Frauentag hat hier durchaus Bedeutung. Nein, keine Politiker, keine Reden, kein offizielles Bramborium. Hier feiern tatsächlich die Frauen - Jung und Alt - gemeinsam ihren Tag. Zur Mittagszeit versammelten sich fast alle Frauen des Dorfes in der größten Gaststätte des Ortes. Das schönste dabei - Bulgarinnen und die ortsansässigen Zigeunerinnen feiern gemeinsam. Es wurde viel geschwatzt, gegessen, getrunken - vor allem aber mit Begeisterung und Ausdauer getanzt. Bevorzugt wird dabei die Hora, ein Reigentanz, wie er ähnlich in vielen Ländern Tradition hat.
Es war übrigens nicht der erste "Frauentag" in diesem Jahr. Bereits Ende Januar haben sich die Frauen zusammengefunden, als sie den Baba-Tag, den Großmuttertag begingen. Auch dieser Tag hat eine lange Tradition. Eigentlich, so erzählten uns Freunde, treffen sich an diesem Tag die Großmütter (dass ich eingeladen war hat mich schon erschreckt, ) um miteinander zu reden, jeder bringt etwas selbst Gebackenes, Gekochtes, Gebrautes zum Verkosten mit. Es war also wahrscheinlich eine Möglichkeit, mal aus dem eigenen Haus und hinter dem Herd hervorzukommen zu einem geselligen Beisammensein unter Gleichgesinnten. Nun, der Großmuttertag, den ich erlebte, verlief ähnlich wie auch der Frauentag - sehr gesellig und sehr fröhlich. Und nicht nur die Großmütter, auch Töchter und Enkelinnen waren anwesend.
Und da wir einmal bei Feiertagen und Traditionen sind, soll der 1. März nicht vergessen sein - der Tag der Baba Marta, Großmütterchen März. An dem Tag werden an Freunde und Verwandte rot-weiße Bänder oder Schleifen verschenkt. Sie sollen Kraft und Gesundheit schenken. Getragen werden die Bänder oder Schleifen solange, bis der erste Frühlingsbote gesichtet wird - eine Schwalbe oder ein Storch beispielsweise. Dann werden die Bänder an einen blühenden Baum gehängt. Ein schöner Brauch.
Am 3. März war übrigens der bulgarische Nationalfeiertag - 131 Jahre sind es her, dass Bulgarien nach 500 Jahren vom türkischen Joch befreit und wieder en eigener Staat wurde.
So, und jetzt warten wir auf Ostern und hoffen, dass auch bald mal das Wetter besser wird. Zur Zeit ist es recht regnerisch.

Samstag, 21. Februar 2009

Auch in Bulgarien noch kein Frühling

Als ich heute morgen wach wurde und aus dem Fenster schaute, war ich doch ein wenig erschrocken. Rund 30 cm Schnee waren über Nacht gefallen, und dabei hatte ich gedacht, hier an der bulgarischen Schwarzmeerküste wäre längst der Frühling eingezogen.
Eine Woche ist es her, da machten wir im schönsten Sonnenschein eine Wandertour in die an Warwara angrenzenden Wälder.

Es sind die Ausläufer des Strandsha-Gebirges, die sich hier bis fast an die Küste hinziehen. Dieses überwiegend mit Eichenbäumen bewachsene Gebirge erstreckt sich bis in die Türkei. Bei unserer Tour vor einer Woche überraschten uns im Wald schon zahlreiche Frühlingsblüher - angefangen bei gelben Krokussen, die uns am Wegrand begleiteten. Abgelöst wurden sie von unzähligen zartlila Alpenveilchen. Die Blüten sind in ihrer Größe allerdings nicht mit den allseits in Blumentöpfen bekannten zu vergleichen. Aber die Farbe leuchtet genauso schön.
Unser eigentliches Ziel war ein Paraklis, eine kleine Kapelle mitten im Wald. Gebaut sind diese kleinen Kapellen über einer Quelle, die - natürlich - Wunder wirkt und heilende Kräfte hat. Diese Kapellen stammen meist noch aus der Zeit der türkischen Besetzung, in der kaum Kirchen gebaut werden durften. Und wenn, dann nur sehr klein.
Diese Kapellen oder Paraklise sind bis heute Treffpunkte der Dorfbevölkerung bei religiösen Anlässen.

Und jetzt also jede Menge Schnee und in der nächsten Woche soll sich das Wetter auch nicht wesentlich ändern - das hätte ich auch in Deutschland haben können. Allerdings hätte ich dort aus meinem Wohnungsfenster nur auf einen Parkteich geschaut und nicht auf das Schwarze Meer, das in diesen Tagen seinem Namen alle Ehre macht sieht man mal von den weißen Schaumkronen auf den gewaltigen Wellen ab.

Montag, 16. Februar 2009

Trifon statt Valentin

Auch in Bulgarien ist der 14. Februar ein besonderer Tag. Nicht wegen dem Valentin, sondern Trifons wegen. Das hatten wir vergessen. Mein Mann wollte am Vormittag nur mal schnell in Dorf um Salz zu kaufen. Dauert 20 Minuten. Als er nach einer Stunde noch nicht da war ich etwas erstaunt. Dann kam er schließlich nach 2 Stunden fröhlich mit einem Stück Weinrebe um den Hals - Trifonstag, dem Schutzheiligen der Winzer gewidmet. An dem Tag beginnt hier das Landwirtschaftsjahr mit dem Verschneiden der Weinreben. Auch in unserem kleinen Warwara hatten sich dazu die Männer zusammengefunden. Doch vor dem Verschneiden wird ausgiebig der Schutzheilige geehrt - mit dem Verkosten der selbstgemachten Weine aus der vorigen Saison. Waren sehr schmackhaft, sagt mein Mann. Mit dem Beginn des Rebenverschneidens ist es an diesem Samstag dann doch nichts geworden - es hat ausgiebig geschneit, da blieb es wohl beim wetterbedingt beim Weinprobieren. Aber der Trifonstag ist ja auch nur der Auftakt für den Rebschnitt, der sich bis in den März fortsetzt. Und die Ehrung des Heiligen, das in den richtigen bulgarischen Weinbaugebieten als richtiges traditionelles Fest gefeiert wird, ist ein Muss. Nur so wird der Heilige freundlich gestimmt und garantiert gutes Wetter und eine gute Weinernte.
Darauf sollte man glatt einen trinken, bulgarischen Wein, versteht sich. Für alle Skeptiker - es gibt sehr gute Sorten.

Freitag, 13. Februar 2009

Willkommen in Warwara

Wir sind schon da. Heute genau vor sieben Monaten sind wir in dem kleinen bulgarischen Schwarzmeerort angekommen. Mit Sack und Pack und hundert Bücherkisten und unserer Katze. Ausgewandert - ohne diverse TV-Shows, einfach so. Haben zuvor monatelang gepackt (was so alles zusammenkommt in einem Haushalt) und vier Wochenenden lang Abschied gefeiert von Familie, Freunden, Kollegen. Allgemeiner Tenor: Da traut ihr euch ja was. Manchmal auch Anerkennung für den Mut und so. Aber schätzungsweise war die ehrliche Meinung: müssen doch bekloppt sein, ausgerechnet nach Bulgarien auswandern. So was macht man nach Spanien, Malaysia, in diverse afrikanische Länder - aber Bulgarien? Na, wir werden noch viel zu erzählen haben.
Ja, und dann ging es am 10. Juni los. Mit Transporter und Pkw aus dem thüringischen Greiz über Österreich (jetzt hakt auch noch die Taste fürs R, also falls mal eins fehlt - tut mir leid), Ungarn durch Rumänien bis an die bulgarische Schwarzmeerküste. Über Serbien wäre es schneller gegangen, aber da Nicht-Eu-Land und wir nicht wussten was der Zoll so für Wünsche hat also dann doch die schon oft gefahrene Strecke durch Rumänien. Wer Natur und schöne Berglandschaften liebt, für den ist dieses Land übrigens sehr empfehlenswert.


Angekommen sind wir nach zwei Übernachtungen im Auto dann am späten Abend des 13. Juni 2008 im kleinen Dorf Warwara. Ja, und seither leben wir mit kleinen Unterbrechungen hier.
Was so alles passiert in diesem Ort und in diesem Land, davon demnächst mehr. Jetzt muss ich erst mal sehen, wie ich mit diesem Layout so zurecht komme und was sich noch verbessern lässt. Und wie das Rrrr wieder funktioniert.
Also bis demnächst von hier