Freitag, 24. Dezember 2010

Es weihnachtet (nicht) sehr

Nach ausgedehntem Deutschlandaufenthalt mit erfreulichem Wiedersehen von Familie und Freunden, nach viel Kultur, zahlreichen Gesprächen, vielen Einkäufen, nachdem wir erst angefroren und dann eingeschneit sind und zu guter Letzt kurz vor Sofia auch noch fast von der Straße gespült wurden sind wir nun endlich wieder zu Hause in unserem kleinen und ruhigen Varvara. Der Schnee hat uns auch hier eingeholt, wie die eingeschneiten Früchte der Passionsblume zeigen, aber er blieb nur zwei Tage. Nach reichlich viel Regen ist es wieder warm geworden - und das soll bis mindestens Silvester auch so bleiben.
Aber ob mit oder ohne Schnee - eine weihnachtliche Stimmung wie auf dem verschneiten Dresdner Striezelmarkt ist hier in Bulgarien ohnehin eher die Ausnahme. Sicher gibt es an zentralen Plätzen und in Einkaufszentren geschmückte Tannenbäume und Weihnachtsschmuck, auch bunte blinkende Lichter in vielen  Fenstern - aber sonst gibt es hier kaum sichtbare Adventsbräuche. Und wenn man ein wenig genauer hinschaut weiß man auch, dass die meisten ganz andere Sorgen haben als den Einkauf von Geschenken. Viele Bulgaren sind vielmehr gezwungen sich darum zu sorgen, wie sie ein einfaches Essen für den nächsten Tag auf den Tisch bringen, wovon sie es bezahlen sollen. Da ist für Geschenke bei den meisten nichts übrig. Kaum einer hier hat Arbeit - die Krise im Baugewerbe hält an, sonstige Arbeitsplätze gibt es kaum. Der Sozialhilfesatz liegt bei 36 Lewa pro Personm und Monat, das sind 18 Euro. Das reicht auch hier nicht zum Leben. Unsere fleißige Helferin und mittlerweile gute Freundin Denka erzählte uns vor wenigen Tagen von der katastrophalen Situation einer Frau aus dem Dorf: Sie kam zu ihr, der Zigeunerin, und bat sie um etwas Brot. Sie war Verkäuferin in einem kleinen staatlichen Laden im Dorf. Der wurde vor einem Jahr geschlossen - weil an seine Stelle ein "Supermarkt" gebaut werden sollte. Eine "Post" steht ja schon mitten im Dorf, oder besser gesagt ein Appartmenthaus, in dem eine Post untergebracht werden sollte - die braucht ein Dorf mit300 Einwohnern ja auch. Aber solche Begründungen für Neubauten müssen schon herhalten wenn kommunales Eigentum für "nen Appel und ein Ei" an dubiose Investoren verschoben werden sollen. Jetzt also angeblich ein Supermarkt, dabei können die drei kleinen Tante-Emma-Läden im Dorf kaum existieren. Wie auch, wenn ohnehin keiner Geld hat auch nur das tägliche Brot zu kaufen. Wir haben jetzt Mehl gekauft für Denka, damit sie ihrer Familie und auch ihrer Bekannten eine Zeit lang Brot backen kann. Und für ein paar weitere notwendige Lebensmittel wird noch ein Weihnachtspäckchen gepackt.

Mittwoch, 3. November 2010

Das "Blaue Wunder" von Zarevo

Das ist das Blaue Wunder von Zarevo - gebaut im vergangenen Jahr in Wassiliko, einem alten Ortsteil von Zarevo. Wassiliko, einst romantische Halbinsel mit schönen Steilküsten und kleinen Stränden, mit Zeltplatz und kleinen Ferienhäuschen und, etwas versteckt hinter Bäumen an der löchrigen Straße, einigen Armeegebäuden. Von der Romantik  ist heute nichts geblieben außer dem Kirchengebäude an der Spitze der Halbinsel. Das Kirchenschiff ist mittlerweile umkreist von großen Hotels und Appartmenthäuser wie fast die gesamte bulgarische Schwarzmeerküste. Das "Blaue Wunder" an der mittlerweile besseren Straße gleich hinter dem ehemaligen Kasernengelände reiht sich ein in die zahlreichen großen Bauten von mehr oder eher minderem architektonischen Einfallsreichtum.
Ein wenig originelles Hotel mehr, dachten wir anfangs. Aber ein Hotel schlechthin ist es gar nicht, wie wir von Irina erfuhren, die gemeinsam mit ihrem Mann Hotel und Gaststätte Varnata in unserem kleinen Varvara betreibt. Seit vergangenem Winter hat sie einen neuen Job - sie arbeitet im Blauen Wunder und wir konnten es besichtigen. Es ist eine Ausbildungsstätte, gebaut mit Hilfe aus Deutschland und Österreich. Im April diesen Jahres wurde es offiziell eröffnet. Hier sollen junge, vor allem auch arbeitslose Menschen in all den Fachrichtungen ausgebildet werden, die im weitesten Sinne mit Hotel und Gastronomie zu tun haben: Kellner, Rezeptionisten, Hotelmanager, Köche, Zimmermädchen, Gärtner, Kosmetiker, Friseure, Masseure. Dazu gibt es Computer- und Sprachausbildung: deutsch und englisch (leider kein Bulgarisch-Lehrer für uns dabei).
Der Bau unterteilt sich in drei Stränge: linkerhand ein Lehrhotel, im mittleren Bauteil die Unterrichtsräume und Fachkabinette und rechterhand ein großer Saal, der für Feiern gebucht werden kann und in dem die angehenden Köche und Kellner ihr Können unter Beweis stellen können. Im Untergeschoss fachgerecht ausgestattete Lagerräume für die Gastronomie und eine große, perfekt eingerichtete Lehrküche. Die Ausbildung lief  in kleinen Gruppen und ein wenig schleppend an: im Mai beginnt die Urlaubssaison, und da sind entlang der Küstealle auf Arbeitssuche. Also standen nur wenig Leute zur Vermittlung durch das Arbeitsamt zur Verfügung, in den drei Monaten, die hier maximal die Urlaubssaison währt, müssen die Leute das Geld verdienen, das ihnen den Rest des Jahres zu überstehen hilft. Ausbildung in all diesen Berufen jedoch ist dringend nötig - Service und Qualität der Küchen lassen in vielen Hotels und Gaststätten sehr zu wünschen übrig. Aber wir werden uns mal wieder bei Irina, die den Fachbereich Restaurantausbildung leitet, erkundigen wie es denn inzwischen läuft mit der Ausbildung. Sie freut sich über unser Interesse und wir wollen einfach wissen, wie mit deutschen Steuergeldern umgegangen wird. Und wir würden uns auch sehr freuen, wenn wir in ganz Bulgarien, das künftig verstärkt auf Bildungs- und Spatourismus setzen will, gut ausgebildete Leute treffen. Massenhaft kulturelle, historische und landschaftliche Sehenswürdigkeiten und und ein ungeheurer Reichtum an heilkräftigen Mineralquellen jedenfalls ist vorhanden. Wenn dann auch noch was fdür die Infrastruktur und die Sauberkeit getan wird ...

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Das thrakische Kuppelgrab von Mishkova niva ist einen Besuch wert

Die Zeit rast und jetzt will ich endlich mal über unseren Besuch in Mishkova Niva erzählen.
Gefunden haben wir diese archäologische Fundstätte in der Nähe von Malko Tarnovo, also nicht weit weg von uns, im vergangenen Jahr durch ein Foto oder einen Blog im Internet. Und waren neugierig, weil noch nie gehört. Dank google earth haben wir dann auch weitere Fotos gefunden, die den Fundort näher eingrenzten. Und Jo stellte fest (er ist der Kartenkundige), dass der Fundplatz wahrscheinlich direkt an der Grenze liegt. Und so war es auch. Wir also im Vorjahr mit Freunden nach Malko Tarnovo und suchen. Wir fanden auch einen Weg, der laut Karte zum Kuppelgrab führen musste - aber dann kam der Grenzzaun und ein eisernes Tor, das mit einem Vorhängeschloss zugesperrt war - Grenze zur Türkei und also nicht einfach so zu betreten. Ein Ortskundiger älterer Mann verriet uns schließlich, dass ein Besuch möglich sei, aber nur in Begleitung eines Grenzers. Organisiert wird das ganze von der Touristinformation in Malko Tarnovo. Und die hatte zwar Öffnungszeiten, aber leider nicht geöffnet. Auch telefonisch war niemand zu erreichen. Also in diesem Jahr ein neuer Anlauf, und siehe, wir hatten Glück. Es hatten sich noch weitere Interessenten gemeldet und mit denen gemeinsam konnten wir an einem Sonntag vormittag die archäologische Fundstätte besuchen. Ein Grenzer begleitete uns nicht, dafür die Dame von der Touristinformation, die auch den Schlüssel zum Grenzzaun hatte - spannend, spannend.. Im Grenzstreifen waren es dann noch ungefähr zwei Kilometer durch ein schönes Waldgebiet des Strandsha-Gebirges zu laufen, das genau an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei liegt. Noch waren wir am Stöhnen der Hitze und des Anstieges wegen, da öffnete sich der Wald und vor uns lag das Grabungsfeld mit vielen großen Steinblöcken.
Die "Große Mogila" wurde Ende des 19. Jahrhunderts von den in Bulgarien lebenden tschechischen Brüdern Hermann und Karel Schkorpil gefunden. Das Kuppelgrab, errichtet aus großen Marmorblöcken, entstand im Zeitraum vom 5. bis 3. Jahrhundert vor Christus und wurde vermutlich für einen thrakischen Fürsten errichtet.
Das Kuppelgrab war zum größten Teil zerstört und wurde in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts teilweise rekonstruiert. Rekonstruktionsversuche dauern bis heute an und werden, wie Jo ziemlich wütend bemerkte, sehr dilettantisch und ohne wissenschaftliche Begleitung durchgeführt. Da passt nur wenig wirklich zueinander und leider werden die alten Steine durch unprofessionelle Methoden teilweise zerstört. Das war der weniger schöne Teil an einer ansonsten imposanten und sehenswerten Kultstätte. Für einen besonderen Höhepunkt sorgte ein Besucher aus unserer kleinen Gruppe - er stellte sich ins Zentrum des offenen Kuppelgrabes und holte eine Flöte aus der Tasche. Und spielte auf ihr eine sehr schöne, etwas klagende Melodie, der wir alle andächtig lauschten.
Die Region diente wahrscheinlich schon weit früher als Kultkomplex. Auch im Umfeld fanden sich weitere alte Grabstätten. Zu den interessantesten Funden gehören aber neben dem Kuppelgrab zweifellos auch die Überreste einer Anlage aus der Kupfer- oder Bronzezeit, die der Kupferverhüttung diente.

Sonntag, 19. September 2010

Gestern hatten wir eine Roma-Hochzeit im Dorf

Der Klang von Trommeln und einer Klarinette am gestrigen Vormittag ließ uns aufhorchen - aha, die Hochzeit beginnt. Zwei junge Roma (irgendwo habe ich gelesen "Lass den Quatsch, sie nennen sich selbst Zigeuner") aus unserem Dorf feiern ihre offizielle Hochzeit.
Die beginnt bei strahlendem Sonnenschein mit dem Gang des Bräutigams, den Brauteltern  und seinen Freunden zum Haus des Brautzeugen, der wohl auch als so eine Art Hochzeitsbitter fungiert. Hier wird musiziert und palavert, auch schon mal ein Schlückchen auf die bevorstehende Hochzeit getrunken. Brautkleid, Brautschuhe und Brautschmuck werden den inzwischen eingetroffenen Gästen vorgeführt.
Dann macht sich der Zug mit Musikbegleitung und Jubelrufen auf den Weg durch das Dorf zum Haus der Braut. Dort wartet schon der Rest der Hochzeitsgäste einschließlich zahlreicher sonstiger Dorfbewohner. Brautzeugin samt Brautkleidung verschwinden im Haus, draußen wird indessen geschwatzt und gewartet. Dann endlich der große Moment - die Braut erscheint in der Tür - eine überaus schöne Braut. Und natürlich wird sie beklatscht und bejubelt. Reis wird nicht geworfen, statt dessen zur Freude der anwesenden Kinder jede Menge Bonbons.
Der Hochzeitszug formiert sich neu, angeführt mit den Brautzeugen, der Braut, dem Bräutigam, zwei entzückenden kleinen Brautjungfern, der Musik und dann den vielen Gästen und Neugierigen. Laut hupend fahren einige Autos hinterher. Vor dem Bürgermeisteramt versammeln sich die Hochzeitsgesellschaft. Sonstige Neugierige aus dem Dorf  auf der anderen Straßenseite.
Fröhlich geht es zu und natürlich wird hier zur Musik getanzt, eine Hora, in die auch das Brautpaar einbezogen ist. Brautpaar und Trauzeugen verschwinden schließlich im Bürgermeisteramt, wo der offizielle Akt der Trauung vollzogen wird. Anschließend macht sich die Hochzeitsgesellschaft auf in die Nachbarstadt Zarewo, wo bis zum Abend gefeiert wird.

Dienstag, 14. September 2010

Weinlese in Varvara

Der Herbst kommt. Die Anzahl der Schwalben, die allmorgendlich ihre Flugübungen über unserem Haus absolvieren, hat sich deutlich verringert. Und von ferne sind wieder die Rufe der Bienenfresser zu hören, die in kleinen Gruppen auf dem Weg nach Süden sind. Storchenschwärme haben wir über dem Dorf noch nicht gesichtet, aber man kann ja auch nicht den ganzen Vormittag über wie Hans-Guck-in-die Luft durch die Gegend stolpern.
Ein weiteres Zeichen für den nahenden Herbst - die Weintrauben sind reif. Wir haben sie jetzt geerntet und sind damit die ersten im Dorf. Das liegt wohl daran, dass wir nicht so edle Sorten haben. Unsere sind sozusagen naturbelassen, nicht veredelt und wir kennen auch ihren Namen nicht. Eigentlich haben wir sie vor einigen Jahren als eine weiße und eine blaue Traubensorte geschenkt bekommen. Das schien sich auch so zu bestätigen. Die Trauben der einen Sorte färbten sich im August allmählich dunkelblau, die anderen blieben grün. Aber zwei Wochen später, als die ersten Trauben allmählich süß wurden, hatten es sich die am zweiten Weinstock anders überlegt und erröteten allmählich. Im September waren sie dann ebenfalls dunkelblau und schön süß. Ist ja auch egal. Eigentlich sollten die Pflanzen ja dazu dienen, unsere Terrasse vor allzuviel Sonne zu schützen. Das tun sie auch, Und ganz nebenher bescheren sie uns jedes Jahr mehr Trauben. In den vergangenen Jahren konnten wir sie noch zu Saft und einem leckeren Traubengelee verarbeiten. Aber in diesem Jahr waren so viele gewachsen, dass wir beschlossen haben, sie zum beliebtesten Traubenprodukt zu veredeln - nein nicht zu Rosinen sondern zu Wein. Dass wir die ersten im Dorf sind die ihren Wein ernten  sagte uns Dimo, seit vielen Jahren treuer Freund und Helfer in vielen Lebenslagen dank seiner deutschen Sprach- und auch sonst vieler Kenntnisse. Unter anderem der vom Wein- und Schnapsherstellen. Da er Jo auf dem Gebiet wegen fehlender praktischer Efahrungen nicht ganz so viel zutraut kam er in den ersten Tagen sogar täglich vorbei um den Zuckergehalt des Mostes zu prüfen.
Jetzt gärt der fast-Wein im Keller so vor sich hin und wird demnächst abgezogen - um zu reifen und dann hoffentlich gut zu schmecken. Und wenn er nicht schmecken sollte, so tröstete vorsorglich ein Bekannter, dann hätten wir immer noch was zum Verschenken. Und Weinessig sei schließlich auch gar nicht so schlecht.

Montag, 6. September 2010

Tag der Vereinigung in Bulgarien

Der 6. September ist in Bulgarien so etwas wie der 3. Oktober für die Deutschen - der Tag der Vereinigung. Nur dass er hier auf ein Ereignis zurückgeht, das 125 Jahre zurückliegt. Deshalb hier mal wieder ein Ausflug in die Geschichte: Mit der Befreiung von der 500 Jahre währenden Türkischen Besatzung im russisch-türkischen Krieg wurde 1878 mit dem Vorfriedensvertrag von San Stefano festgelegt, dass Bulgarien ein autonomes Fürstentum werden soll. Das freilich rief andere europäische Staaten auf den Plan, die ein mit Russland befreundetes Großreich auf der Balkanhalbinsel verhindern wollten. Besonders England drohte mit Krieg, unterstützt von Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn. Der Berliner Kongress legte schließlich nach langwierigen Verhandlungen andere Grenzen fest: Das Gebiet wurde dreigeteilt, nur ein kleiner Teil sollte Bulgarien heißen. Das heutige Nordbulgarien mit dem Gebiet von Sofia sollte  ein autonomes aber den Türken tributpflichtiges Lehnsfürstentum bilden.Südbulgarien sollte unter der Bezeichnung Ostrumelien eine von der Hohen Pforte halbabhängige Provinz mit ausgedehnter administrativer Autonomie bleiben.
Der dritte Teil Bulgariens von San Stefano, also das gesamte Mazedonien, wurde wieder der direkten und uneingeschränkten Autorität des Sultans unterstellt. Entscheidungen, die für die meisten Bulgaren bis heute nicht verschmerzt sind und die immer wieder zu Diskussionen über eigentliche Landesgrenzen führen: Mazedonien, so eine landläufige Meinung, gehört eigentlich zu Bulgarien.
Zumindest Nord- und Südbulgarien wurden schließlich vereinigt. 1885 bildete sich in Plovdiv ein revolutionäres Komitee, das in vielen größeren Städten und Gemeinden Südbulgariens Vertretungen hatte. Am  6. September 1885 erklärte schließlich  nach zahlreichen Massenprotesten und Kundgebungen und nach der Nachricht, dass die Armee Nordbulgariens zum Einmarsch bereitsteht, die Revolutionsführung den Ostrumelischen Gouverneur für abgesetzt und die Vereinigung für vollzogen. Der bulgarische Fürst Alexander I. marschierte in Plovdiv ein und wurde gefeiert als der Herrscher über ganz Bulgarien. Die europäischen Großmächte stellten sich gegen die Vereinigung, selbst Russland zog sich zurück und Serbien führte Krieg gegen Bulgarien, unterlag jedoch. Daraufhin wurde die Vereinigung in Europa anerkannt.
Und was hat dieser Feiertag mit unserem Dorf Varvara zu tun?
Immer am Wochenende so um den 6. September herum wird hier das Panair, das alljährliche Dorffest gefeiert. Es beginnt gegen Mittag mit einem Gottesdienst und einem Kurban, einer Suppe aus einem Opferlamm, am kleinen Paraklis, der Kapelle in der Nähe des Dorfes.Hier treffen sich die Dorfbewohner zum Segen des Popen und zum gemeinsamen Mahl, an dem jeder teilhaben kann. Das eigentlich Fest ist dann am Abend im Dorfzentrum mit viel Musik, mit Essen und Trinken und Tanz. Der Bürgermeister hält eine kleine Rede, in den vergangenen Jahren hat auch Landrat Arnaudov kämpferische Reden zum Vereinigungstag gehalten. Ihren Inhalt konnten wir mangels ausreichender Sprachkenntnisse nicht verstehen, aber es fühlte sich immer so an  wie: Es lebe der Sozialismus, es lebe der Erste Mai - sie leben hoch, hoch, hoch. Er wird es nicht gesagt haben, aber es klang so. Dieses Jahr hat Arnaudov übrigens nicht gesprochen. Vielleicht hing ihm ja das Fernsehinterview vor einer Woche noch an, wo er und seine Parteivorsitzende in einer
Morgensendung  für sie offenbar völlig überraschend mit recht vielen und sehr konkreten Korruptionsvorwürfen konfrontiert wurden. Arnaudov verweigerte sozusagen die Aussage, die Parteichefin verließ wutentbrannt den Senderaum. Also diese Rede blieb allen diesmal erspart, statt dessen als es völlig dunkel war dann wieder der Höhepunkt des Festes: die Nestinarki , die Feuertänzer. Der Feuertanz hat hier eine lange Tradition, die begründet sein soll im kleinen Strandsha-Dorf Bulgari ganz hier in der Nähe. Meiost sind es ältere Frauen, die mit bloßen Füßen über die Holzkohleglut tanzen.
Das Fest fand damit einen Höhepunkt, trotz heftigen Regengusses aber noch längst kein Ende. Bis Mitternacht, wenn die Musiker auf der Bühne ihren Auftritt benedet haben, gibt es Strandsha-Musik: Musik mit Dudelsack, Klarinette, Gadulka, Trommeln, Akkordeon. Im Grunde wurde von Freitag bis Montagmorgen, dem eigentlichen Feiertag, durchgefeiert. Drei tolle Tage also oder anders ausgedrückt: Drei Nächte dröhnend  laute Musik für eine recht kleine Gruppe Jugendlicher im Zentrum des Dorfes, sehr zum Ärger vieler Anwohner, für die an Schlaf nicht zu denken war.

Dienstag, 24. August 2010

Bossa nova und Tangoklänge in Varvara

Tropisch warme Nächte - was passt da besser als Bossa nova, Tango, Fado und später Jazz. All das live zu hören von einer internationalen Musikertruppe, die eigentlich in Sinemorez musiziert. Eine halbe Nacht lang konnten wir sie in unserem kleinen Dorf im benachbarten Restaurant erleben. So voll war es hier noch nie, und eine solche Stimmung erlebten wir
das letzte Mal vor mindestens zehn Jahren,als das Starzi Rasboinitzi (Alter Vagabund) noch in einer alten Baracke im Dorfzentrum sein Domizil hatte. Damals standen die Tische und Bänke gleich neben der Hauptstraße, getanzt wurde auf derselben.
Jetzt aber im Restaurant gleichen Namens im Nachbargarten, der mehr als nur gut gefüllt war. Alle Tische besetzt, alle freien Flächen im Garten ebenfalls. Getanzt wurde natürlich auch, zwischen den Tischen. Schade, dass solche Ereignisse hier sehr selten sind und ein großes Dankeschön an Chrissi, die die Musiker eingeladen hat. Am nächsten Abend dann gleich noch ein Höhepunkt - Tangoworkshop. Die Teilnehmerzahl hielt sich in Grenzen, aber wen wundert es bei schwülwarmen 30 Grad am Abend.
Seltene Höhepunkte des Feriensommers in Varvara. Hierher kommen Leute, die einen eher ruhigen Urlaub wollen. Die Tage am Strand oder in den Buchten der Steilküste ohne nervige Beschallung, die Abende beim Essen mit leiser Musik. Freunde, die ihren Urlaub in Primorsko verbrachten und uns vor einiger Zeit hier besuchten stellten voller Erstaunen fest: Einfach toll, hier hört man die Vögel singen und die Grillen zirpen. In den Fereienorten weiter nördlich hört man vor Stranddiskos und lauter Kneipenbeschallung gar nichts mehr. Nun also auch hier mal Musik - und zum Glück sehr angenehme. Und als krönenden Abschluss gab es dann auf dem Heimweg noch einen staunenden Blick in den dunklen Nachthimmel, der hier viel mehr Sterne zeigt als in den Städten.

Dienstag, 10. August 2010

Manchmal geschehen noch Wunder



Zuerst aber mal das: Wir haben ein neues Haustier.  An unserem Miniteich hatte sich ein Frosch eingefunden. Heute Vormittag quakte er mal kurz, danach waren es schon zwei. Ob er den gerufen hatte damit er nicht so allein ist oder weil er meint, das viele Froschfutter in Form von Fliegen, Wespen, Bienen, Mücken und deren Larven nicht allein zu schaffen - wir wissen es nicht. Allerdings ist mit der wundersamen Vermehrung  die Chance gewachsen, dass einer überlebt wenn der andere einer unserer Katzen zum Opfer fällt. So ist das Leben - fressen und gefressen werden.
Ansonsten ist die Erntezeit in vollem Gange. Gurken (noch) und vor allem Tomaten gibt es in großer Menge. Und in mehreren Formen und Farben. Der Test mit den alten Sorten, deren Samen ich mir aus Österreich von Herrn Pummer schicken ließ, hat sich wirklich gelohnt. Bei mir reift es in diesem Jahr deshalb sehr international:
Zigan oder Gipsy (dunkelbraun), Striped Roman (länglich wie Papika und Orange-rot gestreift), Orange Russian, Omars Lebanese (groß und rot), Noir Petule (auch dunkelbraun), Orange Ochsenherz und dazu groß und rosarot in großer Anzahl die wohlschmeckenden Varvaratomaten. Wohlschmeckend sind die anderen übrigens auch, aber in der Menge lässt die eine oder andere Sorte doch zu wünschen übrig. Ach ja, die roten und birnenförmigen gelben Cherrytomaten habe ich vergessen. Letztere in unglaublicher Menge.
Doch jetzt zum eigentlichen Wunder: Im letzten Blog noch beklagt: die Schlaglöcher, in denen halbe Autos verschwinden können. Der öffentliche Protest hat geholfen, vor zwei Wochen begannen die Reparaturarbeiten an der Straße zwischen Achtopol und Zarewo, an der auch Varvara liegt. Reparatur, das sieht so aus: Löcher ausschneiden, die Ränder mit Teer bestreichen, später mit geteertem Splitt (oder so was ähnlichem) auffüllen. Fast alle Löcher sind jetzt erst mal gut gefüllt. Jetzt laufen schon Wetten, ob die Reparatur wenigstens bis zum Ende der Urlaubssaison hält. Die Chancen stehen gut, hier ist die Saison Anfang September zu Ende. Dann sehen wir weiter.

Montag, 26. Juli 2010

Von himmlischer Ruhe und teuflischen Löchern

Es herrscht wieder Ruhe im Haus. Der Pool liegt den größten Teil des Tages verlassen, die Katzen entspannen und räkeln sich an den vertrauten Plätzen. Dabei hatten sie sich nach langem Zögern mittlerweile an die Besucher gewöhnt und ließen sich von den Enkelkindern sogar streicheln. Doch jetzt sind erst mal alle Besucher weg und auch wir müssen uns an die viele Ruhe erst wieder gewöhnen.
Dabei war es heute gar nicht so ruhig - Blitz und Donner suchten uns heim und jede Menge Wasser strömte vom Himmel. Unser Feuerloch ist zu zwei Dritteln gefüllt. Man sollte meinen es ist ein Brunnen. In etlichen Teilen des Landes gab es Katastrophenalarm, es hatte Straßen unter Wasser gesetzt und aus Rinnsalen wieder Flüsse gemacht.
Schlechte Zeiten für Autofahrer. Nicht nur wegen des möglichen Aquaplanings. Denn zu den nachhaltigsten Eindrücken von Bulgarien zählen bei Freunden und Verwandten, die hier mit dem Auto unterwegs waren, die  Straßen. Straße, das  heißt hierzulande mal abgesehen von einigen Autobahnen und wenigen Transitstrecken vor allem eins: Loch an Loch. Dabei hat Bulgarien durchaus Straßenbauprogramme, dokumentiert auf großen Tafeln am Straßenrand. Auch auf dem Weg nach Zarewo finden sich solche Tafeln: Hier wird gebaut, an einem internationalen Projekt und mit internationalen Mitteln, beispielsweise die Transitstrecke von Zarewo nach Malko Tarnovo, der Grenzstadt zur Türkei. Die Tafel stammt von 1996. Vom Bau bisher nichts zu sehen oder zu spüren. Die Leute sind sich einig, dass die Mittel für den Straßenbau auch geflossen sind. Nur in welche Taschen, das weiß kaum einer. Sicher ist jedoch, dass wir den Grenzübergang zur Türkei auch ohne Grenzkontrollen spüren  könnten: Auf türkischer Seite hat das Rütteln und Schütteln ein Ende und die Gefahr ist gebannt, mit dem Auto auf Nimmerwiedersehen in einem riesigen Loch zu verschwinden. Dort wurde die Transitstrecke nämlich wirklich gebaut.
Aber in Bulgarien sind Straßen wie die hier abgebildete die überwiegende Realität. Wie sagte es doch unser Freund Bernd Krüger, nachdem er ohne größeren Schaden wieder in Deutschland angekommen war: "Wir waren auf eine Straße geraten, die müsste gesperrt werden oder man hätte  das Auto eigentlich durchtragen müssen"
Kurz vor dem Ortseingang zu unserer Nachbarstadt Ahtopol hat es neulich sogar eine medienwirksame Kundgebung empörter Autofahrer gegeben wegen der riesigen Schlaglöcher, die die Straße eigentlich auch unpassierbar machen. Aber ob es was nützt? Uns wurde erzählt, dass für den Straßenneubau zwischen Zarewo und Ahtopol eine Summe von mehreren Millionen geflossen sei. Aber auch hier: Nur der neue Eigentümer weiß in welche Taschen.
Ein Freund erzählte uns neulich dazu einen in Russland spielenden Witz: Treffen sich zwei Freunde, Bauingenieure, nach langer Zeit. Lädt der eine den anderen in sein prächtiges Haus, zeigt auf die Umgebung, den kleinen Fluss unweit des Hauses. Dort, so sagt er, hat er im Auftrag des Staates die große moderne Brücke gebaut. Was für eine Brücke, fragt der Freund, das ist doch nur ein Steg. Ja, sagt der erste, für mehr  hat es eben nicht mehr gereicht nachdem mein Haus fertig war.

Donnerstag, 1. Juli 2010

July morning am Meer in Varvara

Varvara füllte sich am letzten Junitag mit Besuchern - Mädchen in langen wallenden Röcken, mehr oder minder junge Männer, beide Geschlechter mit Rucksack. An den Rucksäcken festgeschnallt Schlafmatten und blecherne Tassen. Einige hatten eine Gitarre dabei.
Seit Jahren kommen sie und auch andere am 30. Juni ins Dorf, um an der Schwarzmeerküste gemeinsam den legendären "July morning" zu begrüßen. Eine Tradition, die aus der Hippiebewegung der 70er Jahre stammt (ja, die gab es auch in Bulgarien). Eigentlich kommt der Brauch ja aus den USA, doch auch in Bulgarien fasste er Fuss. Junge Leute treffen sich am 30. Juni an einer Küste, schlagen hier ihr Zelt auf feiern, musizieren und singen an kleinen Feuern bis zum frühen Morgen und begrüßen am 1. Juli die aufgehende Sonne mit dem Song "July morning" von Uriah Heep.
In Varvara hat sich die Tradition seit den 70er Jahren erhalten. Ihren Höhepunkt erlebte der Brauch in den 90er Jahren. Die neue Freiheit führte Tausende Feierwillige in jener Nacht zusammen. In den letzten Jahre ist es in Varvara etwas ruhiger geworden, in anderen Orten werden mittlerweile große "Events" mit professioneller Organisation zu diesem Ereignis organisiert. Vielleicht waren es 50 Leute aus ganz Bulgarien, die sich  heute morgen hier an der Steilküste trafen. Vor allem junge Leute, aber auch einige "Veteranen" der Hippiebewegung, die seit Jahren immer wieder kommen.
Wir haben die Nacht nicht durchgefeiert, aber den Wecker gestellt, um rechtzeitig vor Sonnenaufgang (5.35Uhr) am Meer zu sein.  Und als sich die Sonne dann endlich aus den Wolken herausgearbeitet hatte und ihre ersten Strahlen zeigte, griff einer der Männer zu seiner Gitarre und sang das Lied vom July morning und der Suche nach der Liebe und nach sich selbst: There I was on an july morning looking for love. Er sang und spielte es wirklich gut.
Und der Sonnenaufgang bescherte uns dazu ein wunderbares Licht über dem Meer. Da hatte sich das frühe Aufstehen wahrlich gelohnt.

Hier bei YouTube kann man den Song hören - und auch sehen:
July morning

Sonntag, 20. Juni 2010

Auch Varvara nicht ohne Fussball

Auch wenn man nicht unbedingt von Fussballfieber reden kann - ganz ohne Fussball geht es auch im kleinen bulgarischen Schwarzmeerort Varvara nicht. In allen Hotel-Gaststätten steht mindestens ein Fernseher, und der ist in diesen Tagen meist auf WM eingestellt. Die Zuschauerzahl hält sich in Grenzen - Bulgarien ist nicht dabei bei dieser WM. Im Hotel Tscherno more trifft sich indessen eine kleine internationale Truppe regelmäßig vor dem Bildschirm: Vier Deutsche, zwei Bayern, zwei Schweizer, sechs bis 10 Bulgaren. Auf den Tischen je nach Tageszeit Kaffee oder auch Bier und Wein.
An den Tischen, vor allem beim Spiel Deutschland gegen Serbien, lautstarke Kommentare und viel Unverständnis über die Schiedsrichterentscheidung. Freilich auch Klatschen und Jubeln beim serbischen Tor und dem verschossenen Elfmeter- das waren zwei bulgarische Zuschauer. Die anderen stehen zu den Deutschen. Der Schweizer Paul und die in München lebende Bulgarin Donka retten sogar gemeinsam die extra aufgehängte deutsche Fahne vor dem Absturz. Und wenn schon keine bulgarische Teilnahme an dieser WM, dann darf wenigstens die Geschichte eines großen bulgarischen Fussball-Triumphes nicht fehlen: als 1994 das bulgarische Fussballteam das deutsche aus dem Viertelfinale schoss. Lechkov war der Torschütze - ein bisschen ein Volksheld bis heute.

Freitag, 4. Juni 2010

Musik statt Straße - ein Projekt für benachteiligte Kinder in Sliven


Die Kinder brauchen die Musik wie die Luft zum Atmen. Ein Satz, dem Georgi Kalaidjiev aus vollem Herzen zustimmt. Sein eigenes Leben ist geprägt von Musik. Kalaidjiew ist Geiger.  Schon als Sechsjähriger begann er in seiner Heimatstadt Sliven mit dem Musikunterricht, sein erster Lehrer war sein Vater.  Der war auch Musiker - Zigeunermusiker, der sich selbst den Traum vom Musikstudium nicht erfüllen konnte und mit einer selbst aufgebauten Musikergruppe durch Europa zog. Aber sein talentierter Sohn sollte ein “richtiger“ Musiker werden, sollte seine Liebe zur Musik leben können. 
Georgi Kalaidjiev hat es geschafft, er ist ein nicht nur in Bulgarien anerkannter Musiker geworden.  Heute musiziert er bei der Philharmonie Gießen und ist musikalischer Leiter des Ensembles "Collegium Musicum" in Stadt Allendorf. Er gründete ein eigenes Kammerorchester "Studio Konzertante", in dem er musikalischer Leiter und Konzertmeister  gleichzeitig ist.  Eine erfolgreiche Karriere, auf die sein heute über 80jähriger Vater sichtlich stolz ist. Aber diese Karriere  war nur möglich, weil es Menschen gab, die sie ihm ermöglicht haben. Durch ein Stipendium seiner Heimatstadt zum Beispiel für begabte, aber arme Kinder. Und seine Familie, die viele Entbehrungen auf sich nahm, um ihm das Studium zu ermöglichen. Heute will Kalaidjiev anderen helfen. Er ist häufig zu Besuch in seiner Heimatstadt.  Und er kennt die Armut vieler Slivener. Sliven war eine Industriestadt. Die Industrie ist nahezu völlig weg gebrochen, damit sind auch die Arbeitsplätze verschwunden. Die Sozialleistungen, die Bulgarien seinen Bürgern gewähren kann, reichen kaum für das tägliche Essen. Wie sollten die Familien da Geld erübrigen können für kulturelle Bildung für die Kinder?
Kalaidjiev weiß, wie wichtig eine sinnvolle Beschäftigung, eine ausgefüllte Freizeit für Kinder ist.  “Der Umgang mit Musik, das Spielen eines Instruments hilft ihnen nicht nur, die eigenen Fähigkeiten zu erkennen und zu schulen. Auch das Selbstbewusstsein dieser benachteiligten Kinder wird entwickelt, weil sie Erfolgserlebnisse haben.“
Deshalb hat er mit Helfern aus Gießen und aus der Stadt Sliven eine Initiative ins Leben gerufen, die Kindern aus sozial benachteiligten Familien eine Musikausbildung ermöglichen soll. “MUSIK STATT STRASSE” heißt das Projekt des Kammerorchesters „Studio Konzertante“, welches die Mitglieder des Stadttheaters in Giessen im Sommer 2009 für Slivener Kinder initiierten. Mit Sammlungen und Benefizkonzerten brachten sie das erste Geld für das Projekt zusammen. Ein Projekt, das wir gern unterstützen.
In Sliven kümmert sich Radka Kuseva von der Kunstschule “Kleine Virtuosen” gemeinsam mit einer Rundfunkredakteurin (auf dem Foto gemeinsam mit Kalaidjiev vor dem Slivener Rathaus, die Musikschule liegt genau gegenüber) und in Zusammenarbeit mit einem Jugendhaus um die Umsetzung des Projektes. Im September vergangenen Jahres ist es angelaufen. Konkret heißt das, dass  die ersten Kinder aus den ärmsten Familien zweimal wöchentlich Unterricht in Violine, Gitarre oder Klavier sowie in Malerei erhalten. Ebenso wichtig: alle teilnehmenden Kinder erhalten  eine Mahlzeit. Und die beteiligten Musiklehrer geben die Stunden für ein minimales Honorar.
Kalaidjiev und seine Mitstreiter freuen sich über die bisherige Resonanz. “Jetzt allerdings müssen wir uns etwas einfallen lassen”, sagt er. Denn mit so vielen interessierten Kindern hatte niemand gerechnet und das Geld wird knapp und auch Instrumente werden  gebraucht. Wer helfen will:
Kinderprojekt “Musik statt Straße“: Konto-Nr.: 66554600, BLZ:51390000. Oder im Blog über die Kommentarfunktion mit uns Kontakt aufnehmen, wir vermitteln einen Kontakt zum Verein.

Dienstag, 25. Mai 2010

Ein Feiertag für Kyrill und Method

Der 24. Mai wird in Bulgarien als Tag der Heiligen Brüder Kyrill und Method begangen. Er ist ein Feiertag der bulgarischen Kultur und des slawischen Schrifttums. Sie übersetzten im 9. Jahrhundert einen Teil der Bibel ins Altslawische und entwickelten dafür eine spezielle Schrift, die Glagoliza. Sie sind jedoch nicht, wie gemeinhin bekannt, die Entwickler des kyrillischen Alphabets. Das soll erst im 11. Jahrhundert entstanden sein, allerdings auf der Grundlage der Glagoliza. Aber dennoch sind Kyrill und Method so eine Art Nationalheilige in Bulgarien und ihrer wird mit einem eigenen Feiertag gedacht. Überall
finden Veranstaltungen und Feste statt. Zwar nicht in Varvara, aber in vielen Orten in der Umgebung. 

Wir machten uns nach Rosen auf, um dort das Fest mitzuerleben. Das Dorfzentrum hatte sich in eine Art Jahrmarkt verwandelt: jede Menge Verkaufsstände, an denen alles von der Sandale über die Badehose bis zum Büstenhalter angeboten wurde. Besonders spannend die Spielzeugstände: Barbienachbildungen neben ganzen Waffenarsenalen.Geschossen wird hierzulande außerordentlich gern, und da fangen natürlich auch die Jüngsten mit dem Üben an. Kultur und Schrifttum waren auch vertreten in Form eines kleinen Umzuges der Lehrer und Schüler der örtlichen Grundschule - an diesem Morgen waren die Zeugnisse verteilt worden, und jetzt fangen für die Grundschüler die großen Ferien an. Sie sind wirklich groß, sie dauern bis Mitte September.
Der Höhepunkt des dörflichen Festes jedoch waren so gar nicht literarischer Art. Auf dem Sportplatz (Stadion genannt) trafen sich die besten Ringkämpfer der Region zu Wettkämpfen.
Die niedrigste Gewichtsklasse, wenn ich es richtig verstanden habe, ging bis 20 kg. Die noch Leichteren und Kleineren übten schon mal am Rande des Wettkampfplatzes hinter den Eltern.
Wir warteten das Ende der Kämpfe nicht ab sondern fuhren weiter nach Primorsko. Auch dort kein Fest fürs Schrifttum, sondern auf einer Wiese am Rande des Dorfes war ein großer Festplatz eingerichtet. Allerdings wurden hier weniger Waren feilgeboten, hier gab es jede Menge zu essen und zu trinken und die Zuschauer der Ringkämpfe saßen dichtgedrängt auf Bänken und Stühlen rund um den Kampfplatz. Bulgarische Ringkämpfe haben ein ganz besonderes Flair: Die Kämpfenden werden umrundet von Musikern. Zwei sind es mindestens - einer mit einer großen Trommel, ein zweiter spielt die Gajda, den Dudelsack. In Primorsko kamen noch ein Akkordeon- und ein Klarinettenspieler hinzu, alles Instrumente, die sich vor allem bei den musizierenden Roma großer Beliebtheit erfreuen. In aller Regel werden die Instrumente von Laien gespielt, Autodidakten, die jedoch meist eine ziemlich gute Musik machen.

Montag, 10. Mai 2010

Kon sa kon - Georgsritt auf bulgarisch

Der Himmel über Varvara - nein, hängt nicht voller Geigen, ist aber bevölkert von ungezählten Vögeln. Nachdem die Katzeninvasion abgezogen war konnten wir auch wieder ungestört die vielen Vogelstimmen hören. Nachts singt im Nachbargarten unermüdlich eine Nachtigall, tagsüber hören wir jede Menge andere Vögel, deren Stimmen wir aber leider nicht zuordnen können. Die Spatzen, Stare, Schwalben schon, denn die hören wir nicht nur, die kriegen wir auch zu sehen. Seit einigen Tagen sind nun auch wieder die aufgeregten Rufe der Bienenfresser zu hören, die unser Dorf in kleinen Schwärmen Richtung Norden überfliegen.
Am 6. Mai allerdings haben wir weder Vögel noch sonstwas gehört, da waren wir Georgstag feiern. Wie schon im Blog im vergangenen Jahr beschrieben, der Heilige Georg ist den Bulgaren wahrlich heilig. Die Roma feiern ihn als ihren Schutzheiligen, das ganze Bulgarien hat an diesem Tag gesetzlichen Feiertag, weil der Heilige Georg auch der Beschützer der Krieger ist.
Auch in diesem Jahr wieder trafen sich die Roma-Familien mittags auf einer großen Festwiese, um gemeinsam zu feiern. Die Familien saßen an langen Tischen, auf denen große Pfannen mit dem an diesem Tag unvermeidlichen Lammbraten standen. Der ist, da im traditionellen Lehmofen gebacken, allerdings wirklich köstlich. Dazu gab es diverse Salate, selbstgebackenes Pita-Brot und natürlich jede Menge Rakia. Für die richtige Feststimmung sorgte eine Zigeunerband, die ihre Verstärker auf und vor einem Lkw aufgebaut hatten. Es waren riesige Verstärker und aus ihnen dröhnte die traditionelle Volks- oder an sie angelehnte Musik in einer Lautstärke, die jegliche Unterhaltung unmöglich machte. Aber essen und trinken und tanzen ging trotzdem. Wir haben uns nach drei Stunden verabschiedet, die meisten anderen hielten bis zum frühen Abend durch.
Was wir im vergangenen Jahr vermisst hatten - die an diesem Tag in Deutschland traditionellen Georgsritte. Dass es einen solchen Brauch ausgerechnet bei den Roma nicht gibt, bei denen Pferde bis heute eine große Rolle spielen, hat uns schon sehr gewundert. Doch unser Freund Ilija klärte uns auf, dass es solche Ritte selbstverständlich auch hier gibt. Allerdings als Pferderennen am 7. Mail.
Also machten wir uns morgens um 7 Uhr auf den Weg in den kleinen Ort Ravna Gora, wo um 8 Uhr ein solches Rennen starten sollte. Die Roma-Familien saßen auf dem Festplatz vor ihren kleinen Zelten, die sie für den Georgstag aufgebaut hatten. Zwei Pferde waren auch schon da, ein drittes wurde wenig später auf den Platz geführt. Das vierte Pferd kam allerdings erst nach 9 Uhr, da hätten wir nicht so früh aufstehen müssen. Der späte Ankömmling war allerdings ein Riese gemessen an den eher zierlichen Pferden der Roma.
Aber was dann passierte war schon sehr interessant: Die Pferdebesitzer stimmten sich auf das Rennen ein mit den Worten: "Kon sa kon" - Pferd für Pferd. Uns wurde erklärt: traditionell wird hier nicht nur um den Sieg gekämpft, sondern auch ums Pferd. Der Verlierer des Rennens verliert das nämlich - an den Sieger. Allerdings wird dieser Brauch nur noch selten praktiziert, viele der Zigeuner sind auf ihr Pferd angewiesen, sie benutzen es nach wie vor als Arbeitstier.
Nach diesem ersten Rennen fuhren wir noch in den Nachbarort, dort waren immerhin acht Pferde am Start.
Und die Begeisterung groß, vor allem weil ein Einheimischer mit dem kleinsten Pferd am Start dem auch hier startenen großen Tier das Nachsehen gab.
Auf dem Heimweg (mit dem Auto und nicht hoch zu Ross) hat uns Ilija darauf hingewiesen, dass viel Arbeit vor uns liegt - schließlich müssten wir unseren jungen Hengst Alaska endlich trainieren, damit er im nächsten Jahr mit an den Start gehen kann.

Sonntag, 11. April 2010

Besatzungsmächte oder: Frühlingserwachen


Lärmende Belagerung statt frühlingshafter Idylle zwischen blühenden Narzissen und Tulpen in unserem Haus und Garten in Varvara. Tag und Nacht lautes Gezeter und Geschrei statt erwachen mit Vogelgezwitscher. Kurz und gut - seit Tagen ist Terror angesagt in unserer vermeintlichen Idylle. Der Grund ist ein ganz simpler - unsere eigentlich kastrierte Katze Stummel ist rollig. Und das ruft natürlich die benachbarten Kater auf den Plan. Die schleichen seit vier Tagen laut schreiend ums Haus, prügeln sich und lauern vor der Katzenklappe. Und Stummel schreit mit und feuert die Verehrer an. Erst waren es drei Kater, ein graugetigerter, ein rotgetigerter und einer mit adligen Vorfahren, ein Siam-Abkömmling. Jetzt hat als Vierter noch ein weiß-schwarzgescheckter Spätzünder begriffen, dass hier eine paarungswillige Katze wohnt. Aber den schicken die anderen regelmäßig weg. Soweit wir beobachten konnten gibt Stummel dem Roten und dem Grauen den Vorzug. Der Rote fühlt sich schon ganz heimisch auf unserer Terrasse und hat sich mit unserem Kater Tussel (auch kastriert) angefreundet. Der ist von dem ganzen Theater rund ums Haus ein wenig verunsichert. Mit großen Augen schaut er dem Treiben zu. Irgendwie muss er es auch für ein neues Spiel halten. Gestern legte er sich neben Stummel in den Sand und rollte sich heftig auf dem Rücken. Nur - von ihm nahm keiner Notiz, von Stummelchen aber schon. Das macht ihn wohl auch ein wenig traurig, sind doch die kuschligen Stunden mit Stummel auf heimischem Sofa erst mal vorbei.
Als wir die Tiere vor einem Jahr kastrieren ließen wollten wir ja gerade solche Ereignisse wie oben geschildert vermeiden und auch ungewollten Nachwuchs. Jetzt stellt sich aber die Frage, wieso eine kastrierte Katze rollig werden kann. Das war so nicht geplant. Also werden wir wohl den Tierarzt noch mal konsultieren müssen.

Dienstag, 9. März 2010

Noch kein Frühlingserwachen


Nach 30 Stunden Dauerregen kam er heute doch noch - der Schnee. Den ganzen Tag über hat es geschneit, zum Glück auf durch den Regen "angewärmten" Untergrund. Da blieb nicht alles liegen, aber schön matschig-weiß ist es doch. Aber ganz so schlimm wie das übrige Land hat es uns nicht erwischt - zahlreiche Orte eingeschneit und ohne Strom. Und gelb soll der Schnee an vielen Orten auch noch sein - durchmischt mit Saharasand, den der Wind übers Mittelmeer geweht hat. Solchen Staub hatten wir vor zwei Wochen nach einem starken Südwind in einer dichten Schicht auf den Autos liegen. Aber unser Schnee heute war weiß. Den Rest der Woche soll es bei wenigen Graden über Null regnen. Wo doch alle auf den Frühling warten um im Garten zu arbeiten. Dabei soll vor dem 9. März der Boden ohnehin nicht bearbeitet werden, habe ich gerade gelesen. Denn der 9. März ist der Tag der 40 Heiligen Märtyrer. Einer bulgarischen Legende nach schickte Gott an diesem Tag 40 glühende Speere auf die Erde. So erwärmte sich der Boden und die Sonne begann ihren Sommerzyklus. Erst nach diesem Tag war es erlaubt, den Boden zu bearbeiten.

Montag, 8. März 2010

Glückwünsche zum Frauentag


Glückwünsche zum Frauentag gibt es in Bulgarien überall. Und natürlich Blumen - Töpfchen mit blühenden Pflanzen, Blumensträuße, vor allem aber schön gebundene einzelne Blüten. In Zarewo gab es sie heute nicht nur in den Blumengeschäften, auch an vielen zusätzlichen kleinen Verkaufsständen wurden Blumen angeboten. Und nicht nur Männer kaufen an diesem Tag Blumen, nein, auch die Frauen selbst. Sie schenken sie sich gegenseitig. Der Frauentag ist hier weniger ein politisches Ereignis als vielmehr ein Grund zum Feiern - miteinander essen, trinken, tanzen. Auch in unserem kleinen Dorf trafen sich die Frauen heute wieder. Eine große Gruppe in Dimos Hotel, eine kleinere Gruppe Frauen ein paar Meter weiter in einem kleinen Laden mit Getränkeausschank. Dort können sie die meisten Speisen und Getränke selbst mitbringen. Viele sind gar nicht gekommen. Auch daran zeigt sich die verschlechterte Wirtschaftslage in diesem Winter: Im vorigen Jahr hatten sich fast alle Frauen des Dorfes zum Feiern in Dimos Hotel getroffen, da hatten auch fast alle Männer Arbeit auf den vielen Baustellen entlang der Küste.
Ach ja, meine Blumen habe ich aus dem Garten geholt. Gestern habe ich alle aufgeblühten Narzissen vor den für heute angedrohten ergiebigen Schneefällen in Sicherheit gebracht, die aus dem Norden über uns kommen sollten. Schnee gab es heute nicht, dafür jede Menge Regen.

Sonntag, 28. Februar 2010

Marteniza und Frühlingsgefühle


In unserem Garten herrschte in den letzten Tagen Hochbetrieb. Nein, keine Gartenarbeiter, dazu hat es zu oft geregnet. Am vielen Betrieb war Gominin schuld, die Hündin unserer Freunde. Den Namen hat der Hündin der Enkel verpasst - nach einem Namen in einem Computerspiel. Gominin fühlt sich bei uns immer mal wieder wie zu Hause - hier gibt es das bessere Futter. Zur Zeit nervt sie aber nur - Frühlingsgefühle. Und seit drei Tagen bringt sie Tag und Nacht ihre vielen Freunde mit. Sie selbst ist etwa so groß wie ein weißer Hochlandterrier. Doch ganz offenbar steht sie nicht auf kleine, sondern auch auf große Hunde. Im Schlepptau hat sie einen kleinen Spitzmischling, einen etwas großeren hellbraunen Hund mit Terriereinschlag, und dann noch zwei etwa schäferhundgroße Tiere, die ihr laut bellend den Hof machen. Hier ist es für viele Leute üblich, die Hunde frei rumlaufen zu lassen. Und wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, diese ganze Meute immer wieder aus unserem Garten zu verjagen - der Zaun ist hat nicht sehr dicht. Und wo ein Wille ist findet sich immer auch ein Weg. Wir gönnen Gominin ja ihre Frühlingsgefühle, aber sämtliche Krokusse auf der Wiese sind schon platt gedrückt. Heute war es ruhiger - die schlimme Zeit ist, scheint es, vorbei.
Übrigens ist morgen am 1. März Marteniza. Der Tag, an dem man die rot-weißen Bändchen verschenkt, mit denen sich groß und klein schmückt und die auch Tieren angehängt werden. Sie sollen Glück und Gesundheit für das ganze Jahr bringen und dürfen erst abgelegt werden, wenn man die erste Schwalbe oder den ersten Storch sieht.
Man wünscht zu Marteniza (abgeleitet von Monat März, Mart) übrigens auch Tschestita Baba Marta - Glückliche Oma Marta. Damit und mit den rot-weißen Bändchen will man Großmütterchen März (ähnlich wie Frau Holle) milde und freundlich stimmen. Denn auch hierzulande ist der März nicht nur frühlingshaft schön, er kann auch Stürme, Kälte und Schnee bringen. Und wer will das schon.
Also für alle Freunde und Leser auf diesem Wege unser Marteniza-Gruß.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Die Griechische Schule in Achtopol


Manchmal hat man hier ja auch angenehme Erlebnisse. Eigentlich sind wir ja mittlerweile immer auf das Schlimmste gefasst, was die plan- und oft auch sinnlose Bauwut in Bulgarien angeht. Riesige Hotels, riesige Appartmentanlagen, eins hässlicher als das andere, aber natürlich an den schönsten Plätzen der Schwarzmeerküste. Da sticht die Immobilienhaie ein solch schönes Plätzchen wie das an der Griechischen Schule an der Spitze einer ins Meer hineinragenden Landzunge in Achtopol besonders ins Auge. Ja, es stimmt, das Gebäude, das vermutlich um 1900 gebaut wurde, ist eine Griechische Schule. Das ist begründet in der Geschichte der Stadt Achtopol. Sie war eine von vielen alten griechischen Ansiedlungen rund ums Schwarze Meer. Es wird vermutet, dass die Siedlung mit Namen Agathopolis etwa 600 vor Christi entstanden ist. Die Lage war ideal - mit einem wunderbaren natürlichen Hafenbecken, ideal zum Anlanden von Handelsschiffen. Seit dieser Zeit gab es hier griechische Bewohner. Von dieser alten Ansiedlung freilich ist heute nichts mehr zu finden - außer den Resten der alten Stadtmauer, die vermutlich bei einem Erdbeben eingestürzt ist. Teile davon finden sich in einigen Straßenzügen in der Nähe des Hafens, und sogar in manchen Gärten kann man ein Stück Stadtmauer finden. Erst vor wenigen Jahren stieß ein Bauherr beim Ausheben der Baugrube auf ein weiteres Stück Mauer. Er bekam ein anderes Stück Bauland, die Mauer wurde notdürftig gesichert. Für die weitere Freilegung fehlt das Geld.
Doch zurück zu den Griechen. Die Stadt wurde später von den Römern erobert, und dann war sie wie ganz Bulgarien 500 Jahre von den Türken beherrscht. Eine griechische Bevölkerung lebte in der Stadt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Vor allem griechische Schiffsbauer sollen von den Türken hier angesiedelt worden sein. Um 1900 war in Achtopol ein Völkergemisch heimisch: Griechen, Bulgaren, Türken, Roma lebten in der Region. Ein Haupterwerbszweig der Griechen zu dieser Zeit war unter anderem der Export von Holzkohle nach Istanbul, die im benachbarten Strandsha-Gebirge mit seinen dichten Eichen- und Buchenwäldern hergestellt wurde. Die Stadt muss immer wieder ziemlich vermögend gewesen sein, der natürliche Hafen bot gute Bedingungen für Händler.
Mit dem Niedergang des Türkischen Reiches gibt es immer wieder Veränderungen in der gesamten Region - hier stoßen heute Bulgarien, die Türkei und nur wenig entfernt auch Griechenland aneinander. Es gab um 1912 mehrere Kriege auf dem Balkan gegen das Osmanische Reich. Im Ergebnis der Kriege kam es zur Neuaufteilung der Territorien und zu massiven "Gebietsbereinigungen". So musste die bulgarische Bevölkerung die zur Türkei gehörenden Gebiete räumen, dafür verließen viele Türken bulgarisches Territorium. Und auch die Griechen, die noch in Achtopol lebten, mussten die Stadt verlassen. Von ihnen ist im Stadtbild kaum etwas geblieben, ein Großbrand im Jahre 1918 hat nahezu alle der überwiegend aus Holz gebauten Häuser der Stadt vernichtet. Nur eines der alten Holzhäuser direkt an der Steilküste ist aus jener Zeit erhalten geblieben, aber jetzt verfällt es allmählich, da seine Besitzer das Geld nicht haben es zu erhalten.
Und dann ist da natürlich die aus Stein gebaute griechische Schule, die den Brand ebenfalls überstanden hat. Kurz nach ihrer Fertigstellung mussten die Griechen die Stadt verlassen. Das Gebäude blieb Schule, wurde mehrfach restauriert und teilweise umgebaut. Bis vor einigen Jahren diente die einstige Schule als Freizeiteinrichtung für Kinder, in den Ferien gab es hier viele Angebote. Doch dann stand das Haus leer, zog viele begehrliche Blicke auf sich. Bis wir dann vor zwei Jahren hörten, das Gebäude ist in Besitz der Kunstakademie Sofia übergegangen. Einem alten Lehrer aus Achtopol, der sich sehr intensiv um die Erforschung der Geschichte der Stadt bemüht ist es zu danken, dass jetzt auch das kleine Museum der Stadt hier mit einer kleinen, aber feinen und vor allem gut gestalteten Ausstellung hier untergekommen ist. Teile des Gebäudes sind saniert, das Freigelände ist mit zahlreichen Holzplastiken der Kunststudenten geschmückt, die hier ihre Ferien verbrachten. Damit dürfte die Gefahr, dass auch auf dieser Landzunge ein großkotziger Hotelkomplex entsteht, gebannt sein.

Freitag, 19. Februar 2010

Der Frühling ist da


Die Schneemassen sind weggeschmolzen. Und anschließend hat es geregnet - gar nicht so knapp. Mit dem Erfolg, dass Teile unseres Gartens rund zwei Wochen lang eine Art Sumpflandschaft waren. Durch unser Grundstück fließen ziemlich große Wassermengen von der höher liegenden Straße. Und unter der wiederum fließt das Wasser aus dem noch ein wenig höher gelegenen Ortsteil hindurch direkt in unseren Garten.

Aber unsere Wassermassen waren nichts gegen das was wir vor zwei Tagen in Burgas erlebten. Die von Süden kommende Straße trennt mehrere Binnenseen von der Stadt. Am Anfang fand ich das ja noch lustig dass die Wasserfläche des größeren Sees fast das Niveau der Straße erreichte. Aber dann führte die Straße durch eine Senke - und der See war plötzlich auf der Straße. Und wir haben eigentlich kein schwimmfähiges Auto. Aber es ging alles gut. Am Abend wurde im Fernsehen ein Bericht über die Überschwemmungen in einigen Stadtteilen gezeigt. Wahrscheinlich war das Wasser im Laufe des Tages noch angestiegen. Mit einigen Tausend Säcken Sand, so wurde gemeldet, konnte das Wasser ein wenig aufgehalten werden.

Doch jetzt ist der Frühling da. Seit drei Tagen scheint die Sonne, die ersten Arbeiten im Garten können in Angriff genommen werden. Weinreben verschneiden zum Beispiel. Und heute war sogar das erste Mal Mittagessen auf der Terrasse angesagt. Das Thermometer war immerhin auf 23 Grad geklettert. Das kann gerne so weitergehen.

Das schöne Wetter sorgt auch dafür, dass auf den unzähligen Hotel- und Appartmentanlagen-Baustellen das Baugeschehen wieder beginnt. Zumindest auf denen, wo noch (oder wieder) Geld da ist. Die Krise hat auch hierzulande nicht zu knapp zugeschlagen. Aber für die Einheimischen bedeutet das, endlich wieder Arbeit zu haben. Auf den meisten Baustellen wird übrigens schwarz gearbeitet, nur die wenigsten sind bereit, für ihre Bauarbeiter Steuern und Krankenversicherung zu bezahlen. Aber das ist den meisten egal - sie sind froh über die Möglichkeit, überhaupt wieder Geld zu verdienen. Von 36 Lewa Sozialhilfe pro Monat kann man wahrlich nicht leben.

Sonntag, 14. Februar 2010

Trifonstag oder Trifon Zarezan


Ich hoffe doch sehr, dass ich nach diesem anstrengenden Feier-Tag die richtigen Tasten noch finde. In unserem ganzen bulgarischen Dorf - und nicht nur in unserem - wurde heute gefeiert. Ganz gleich wohin man kam, ein froher Feiertag wurde gewünscht - und dann eingeladen zum Wein verkosten. Der Trifonstag ist der Tag der bulgarischen Weinbauern. Und nahezu jeder der einen Garten oder einen Vorgarten hat nennt auch einige Weinreben sein eigen. Selbst an Balkonen haben wir sie schon ranken gesehen. Und natürlich werden die Weinreben im Herbst abgeerntet und dann wird jede Menge Wein gemacht. Und auch Rakia, Traubenschnaps. Eigentlich ist der Trifonstag nach dem neuen Kalender am 1. Februar. Aber traditionell wird der Tag von den Bulgaren nach wie vor nach dem alten Kalender, also am heutigen 14. Februar gefeiert.
Der Heilige Trifon ist der Schutzpatron der Weinbauern. Zarezan wird der Heilige Trifon auch genannt, weil die Gottesmutter ihm prophezeite, er werde sich beim Weinschneiden die Nase abschneiden, weil er sie verhöhnt hatte. So geschah es dann auch. Und das war offenbar eine schlimme Strafe, denn die Nase galt von jeher als Symbol der Männlichkeit. Trifon Zarezan, Trifon der Geschnittene ward er seither auch genannt.
Und nun ist dieser 14. Februar also der erste Feiertag im zeitigen Frühling. Ursprünglich war das auch der Tag, an dem die Weinstöcke verschnitten werden. Dieses Verschneiden war mit einem Ritual verbunden, bei dem der Weinstock mit Rotwein aus dem Vorjahr begossen und ein Segensspruch ausgebracht wurde, um auch in diesem eine reiche Ernte zu gewähren: "Es möge das Jahr ertragreich sein.Von jeder Rege ein Fass voller Trauben und volle Fässer Wein."
So ein Ritual gibt es gelegentlich auch heute noch, aber im Vordergrund, so zumindest in unserem Dorf, steht das Feiern. Die Männer trafen sich vor dem Haus, jeder hatte seinen Wein zum Verkosten dabei, die Frauen hatten es sich gemeinsam im Haus gemütlich gemacht - auch mit jeder Menge Wein, versteht sich. Und als die Feier auf dem Höhepunkt war, da wurde dann auf der Straße die Hora getanzt. Und das Verschneiden der Weinstöcke auf die nächsten Tage verschoben.

Montag, 1. Februar 2010

Ungewohntes aus dem Römertopf


Das war, kulinarisch gesehen, ein gelungenes Wochenende. Mal keine Arztbesuche und Medikamentenlisten, statt dessen lecker Essen.

Am Samstag zum ersten Mal ein Brot aus Sauerteig, gebacken im Römertopf. Der Sauerteig war erstaunlich einfach herzustellen, Roggenmehl haben wir auch gefunden und das Brot ist weitgehend auch gelungen. Nur weniger Oberhitze nächstes Mal, dann geht es vielleicht noch höher und wird nicht ganz so dunkel. Aber sonst war es einfach lecker. Vor allem weil die Bulgaren traditionell Weißbrotesser sind und dunkle Brotsorten, die gelegentlich angeboten werden und durchaus wie Mischbrot aussehen, einfach nur wie Sand schmecken.
Nun also das eigene erste Mischbrot. Darauf zu streichen Griebenfett - auch aus eigener Herstellung versteht sich, mit Zwiebel und Apfel und Schweineschmalz. Ja, ich weiß, wahnsinnig ungesund und perfekter Dickmacher. Aber es schmeckt doch so gut. Dafür heute zur Krönung des Ganzen etwas total gesundes - das Sauerkraut wurde verkostet, das seit Anfang Januar vor sich hinsäuerte - auch das ist eine wahre Köstlichkeit geworden. Hätte nie gedacht, dass es so gut schmeckt. In Deutschland wäre ich nie auf die Idee gekommen, solche Sachen (außer dem Fett) selbst herzustellen. Aber hier schmeckt eben alles ein wenig anders und nicht wie gewohnt. Und ab und zu will man geschmacklich schon mal heimatliche Gefühle kriegen. Und es zeigte sich mal wieder - wie wenig doch manchmal nötig ist, um Menschen glücklich zu machen. Na ja, die nächste Fastenzeit kommt bestimmt.
Das Wetter ist zur Zeit weniger schön: Seit zwei Tage erfreulicher weise wieder wärmer, dafür aber viel Regen. Statt in knie- bis hüfthohem Schnee stehen wir jetzt in knöcheltiefem Wasser. Und als heute Vormittag die Sonne schien und das Thermometer gleich mal auf 15 Grad kletterte, schmolzen auch die letzten Schneereste rund ums Haus eilig dahin. Die Folge des vielen Wassers: Samstag Abend - da war das Brot zum Glück fertig gebacken - und den halben Sonntag ohne Strom gesessen. Und wir dachten, die Stromausfälle kommen nur bei großer Kälte und viel Schnee.

Sonntag, 24. Januar 2010

Noch mehr Schnee


Der Winter hat uns kalt erwischt. Nach den ersten Schneefällen folgten weitere - dabei dachten wir, ein Häuschen im sonnigen Süden zu haben. Doch nun türmen sich im Garten und rund ums Haus die Schneewehen, unsere kleine Straße ist zugeschneit, die Autos unter hohem Schnee versteckt. Dazu gab es noch diverse Stromausfälle - am Freitag erst immer nur kurzzeitig, vom späten Nachmittag an blieb der Strom dann ganz weg. Schön romantisch also im Kerzenschein - allerdings konnten wir die Heizung nicht in Betrieb nehmen. Denn die Pumpe arbeitet nicht ohne Strom. Und ohne Strom auch kein Telefon, kein Internet, kein Radio, eben fast nichts von dem was der moderne Mensch so gewöhnt ist. Brot wurde in die Läden auch nicht geliefert, da die Straßen zugeschneit waren. Kein Problem für uns, wir sind ja gut ausgestattet und haben einen Brotbackautomaten mit diversehen Brotbackmischungen. Also backen wir heute selbst. Von wegen, auch der Automat arbeitet nicht ohne Strom. Also leben wie unsere Vorfahren - Kerzenlicht, kochen auf Feuer im Küchenherd, zeitig schlafen gehen, weil selbst lesen im Kerzenlicht nicht wirklich erfreulich ist. Dafür haben wir mittlerweile Meisenknödel geknetet und Futterstellen für die vielen Vögel im Garten eingerichtet.
Da haben unsere Katzen auch viel Spaß.
Zum Glück dann leuchteten am Samstag nachmittag die Lampen wieder, das Radio spielte und der Elektroherd ließ sich einschalten - willkommen in der Zivilisation. Am Sonntag mittag kam sogar ein Schneepflug durch unsere kleine Straße, auf dem Beifahrersitz der Bürgermeister unseres kleinen Ortes höchstselbst. Nun müssen wir nur noch das Auto freischaufeln und hoffen, dass die nächsten Schneefälle nicht allzu krass werden.
Nun mal schnell die Fotos im vergangenen Blog nachliefern und einen neuen schreiben.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Der Schnee hat uns erreicht


Nach einigen Tagen Aufenthalt in Sofia zurück im stillen Varvara. Allerdings hatte sich Sofia diesmal von einer friedlichen Seite gezeigt - mal abgesehen vom üblichen Großstadtlärm. Der letzte Mafia-Mord lag einige Tage zurück - der "Journalist" Bobi Tsankov in der Mittagszeit im Sofioter Stadtzentrum beim verlassen seines Autos erschossen worden. Der Begriff Journalist, mit dem Tsankov vielfach bezeichnet wurde, ist wohl nicht ganz zutreffend. Er war wohl eher so eine Art DJ im Radio und bekannt dafür, dass er Geld für Werbezeit im Radio genommen, die Werbespots aber nie gesendet hatte. Er rühmte sich in jüngerer Vergangenheit auch damit, gute Kontakte zur Unterwelt zu haben. In einem Buch wollte er jetzt über die dort gemachten Erfahrungen berichten. Ob das die Ursache für den Mord war oder eine an anderer Stelle veröffentlichte Information, dass er nämlich demnächst in einem Mafia-Prozess aussagen wollte, ist nicht bekannt. Allerdings wurde bereits wenige Tage nach den tödlichen Schüssen eine vermeintliche Mafia-Größe in Sofia festgenommen.
Nun ja, wir haben von solchen Ereignissen zum Glück nicht direkt sondern nur von Freunden und aus Pressemeldungen erfahren.

Jetzt sind wir also wieder in unserem Dorf, und seit gestern morgen auch so ziemlich eingeschneit. Also erst mal vorbei mit Frühling. Rund 30 cm Schnee sind gefallen, jetzt soll es auch noch kalt werden - bis minus 12 Grad und weitere Schneefälle werden für das Wochenende angedroht. Und dabei hatten wir uns gerade noch gefreut, dass die Kälte in Deutschland uns verschont. Der Winter, der Bulgarien bislang verschont hat, hält nun also auch hier Einzug.

Unseren Katzen gefällt das Wetter ganz unterschiedlich gut. Stummel, die das Haus eigentlich gar nicht gern verlässt und lieber am warmen Kamin liegt, ist fast nur noch im Garten. Sie findet es einfach toll die Schneewehen umzupflügen und mit dem Kopf durch zu tauchen. Dafür ist der leidenschaftliche Vogel- und Rattenfänger Tussel mit seinem langen Fell von dem vielen Schnee nicht entzückt. Das muss er sich nicht antun- beim Springen durch den Garten bis zum Hals im lockeren Schnee versinken. Da bleibt er jetzt lieber auf der warmen Decke liegen.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Jordanov den oder Wodinitzi


Eigentlich hatten wir uns nach Neujahr auf eine eher ruhige Zeit eingestellt. War aber ein Irrtum. Am 6. Januar lud uns Denka zum Kaffee ein - Jordanov-den. An dem Tag wird Johannes des Täufers gedacht, der Jesus im Jordan taufte. Da feiern in Bulgarien alle, die Jordan, Jordanka, Jonko oder ähnliche Namen tragen, ihren Namenstag. Und da Denka einen Sohn namens Jordan hat, genannt Dantscho, also Kaffeetrinken. Aber der Tag hat für die Bulgaren noch eine andere Bewandtnis, erfuhren wir beim Kaffee. Es wird in vielen Gegenden das Erscheinungsfest gefeiert, auch Wasserfest genannt - Wodinitzi. Ein Pope hält eine Andacht am Fluss, See oder auch am Meer. Das Wasser wird sozusagen geweiht, mit dem Gebet und dem Kreuz. Sicher hat das auch etwas zu tun mit rituellen Bräuchen, die sich der reinigenden und wundertätigen Kraft des Wassers bedienen.
Das wollten wir sehen, also auf nach Zarewo. Im Hafen von Zarewo hatten sich schon viele Besucher versammelt. Der Priester kam, sprach ein Gebet und segnete das Wasser mit einem Kreuz. Das Kreuz - in dem Falle ein großes hölzernes - wird nach dem Segensspruch ins Wasser geworfen. Und junge Männer springen hinterher um es wieder an Land zu holen. Wer das Kreuz als erster erreicht wird vom Popen gesegnet und soll das ganze Jahr über besonders viel Glück haben. Fünfzehn junge Männer wollten ihr Glück versuchen und sprangen in die kalten Fluten. Die Wassertemperatur weiß ich nicht, aber an Land hatten wir immerhin 14 Grad, also wahrlich keine arktische Kälte. Anschließend fuhren wir nach Achtopol, dort fand im Hafen am Mittag die gleiche Zeremonie statt. Aber entweder gibt es dort keine mutigen jungen Männer - oder sie waren verhindert. Nur zwei versuchten dort ihr Glück.
Heute, am 7. Januar, ist schon seit dem frühen abend laute Musik aus verschiedenen Ecken unseres kleinen Varvara zu hören - Iwan hat heute Namenstag. Iwan wird abgeleitet vom altgriechischen Ioannes abgeleitet. Und Iwan heißen, der Musik nach zu urteilen, doch etliche Männer im Dorf.
Ach ja, morgen gibt es auch noch einen Anlass zum Feiern - der 8. Januar ist in Bulgarien der Oma-Tag. Der Tag würdigt nicht nur die Großmütter, sondern vor allem die Geburtshelferinnen, die Hebammen. Aber auch das Feiern sollte man sich einteilen. Deshalb wird der Großmuttertag bei uns hier erst am 21. Januar gefeiert, nach dem alten Kalender.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Mit Prügel ins neue Jahr



Weihnachten haben wir gut überstanden. Heiligabend haben wir mit Freunden ganz auf bulgarisch gefeiert: sieben verschiedene Gerichte kommen auf den Tisch, aber nur vegetarische. Es ist der letzte Tag der 40tägigen Fastenzeit. Die Speisen sind traditionell: Bohnen- und Linsengerichte, Sarmi (das sind kleine Krautwickel, in dem Fall mit Reisfüllung), gefüllte Paprika, Brot und Baniza, ein in Bulgarien allgegenwärtiges und mit Käse oder auch süß mit Honig und Walnüssen gefülltes Blätterteiggebäck. In der Baniza versteckt sind Glückslose mit Segenssprüchen für das kommende Jahr.

Die Koledari kamen dann in der Weihnachtsnacht tatsächlich auch zu uns: Eigentlich wollten wir kurz vor Mitternacht schon schlafen gehen, weil es ganz ruhig im Dorf war. Doch dann hörte ich in einer benachbarten Straße Gesang und den Klang der Trommel und der Gajda: Also wieder angezogen und warten. Ein großer Teller mit Wurst, saure Gurken und Gläser standen bereit. Es war dann kurz nach ein Uhr, als die Koledari singend durch unseren Garten kamen: Steh auf, Hausherr, steh auf, denn gute Gäste stehen vor der Tür, gute Gäste, koledari.
Sie segneten das Haus und seine Bewohner. Alles haben wir leider nicht verstanden, aber es war für uns schon berührend, wie ernsthaft dieser Brauch hier noch geübt wird. Seit sieben Uhr abends waren sie unterwegs, sagte uns Tapa, der Gajdaspieler und Anführer der Männerschar. Bis morgens um sieben würden sie noch weiterziehen, mit einem letzten Lied und einer Hora auf dem Dorfplatz die Weihnachtsnacht beenden. Von uns gab es eine kleine Stärkung, einen Schluck Wein, bevor es weiterging ins Nachbarhaus.
Silvester feierten wir auch mit Freunden, mit Musik und Tanz. Tanzen ist Pflicht, nur wer in der Silvesternacht tanzt bleibt im neuen Jahr gesund. Da es unserer Gesundheit aber nicht sehr gut tat, dass die kleine Kneipe ganz blaugeraucht war (hier darf in öffentlichen Räumen noch geraucht werden) machten wir zwischendurch einen Spaziergang - und erlebten nicht nur den zweiten Dezembervollmond, sondern als Zugabe auch noch eine Teil-Mondfinsternis.

Den Neujahrsmorgen erlebten wir mit Prügel - nein, keine entartete Feier. Halb neun standen die ersten Kinder vor der Tür, ließen ihre geschmückten Kornelkirschzweige auf unsere Rücken sausen und wünschten dabei unserem Haus und uns viel Glück, eine reiche Ernte, süße Äpfel und großen Trauben im neuen Jahr. Von weiterer Prügel konnten wir uns freikaufen mit Süßigkeiten und Kleingeld. Die Zeremonie wiederholte sich später von weiteren Kindern. Auch diese Art des Neujahrssegens ist ein alter bulgarischer Brauch.