Sonntag, 24. Januar 2010

Noch mehr Schnee


Der Winter hat uns kalt erwischt. Nach den ersten Schneefällen folgten weitere - dabei dachten wir, ein Häuschen im sonnigen Süden zu haben. Doch nun türmen sich im Garten und rund ums Haus die Schneewehen, unsere kleine Straße ist zugeschneit, die Autos unter hohem Schnee versteckt. Dazu gab es noch diverse Stromausfälle - am Freitag erst immer nur kurzzeitig, vom späten Nachmittag an blieb der Strom dann ganz weg. Schön romantisch also im Kerzenschein - allerdings konnten wir die Heizung nicht in Betrieb nehmen. Denn die Pumpe arbeitet nicht ohne Strom. Und ohne Strom auch kein Telefon, kein Internet, kein Radio, eben fast nichts von dem was der moderne Mensch so gewöhnt ist. Brot wurde in die Läden auch nicht geliefert, da die Straßen zugeschneit waren. Kein Problem für uns, wir sind ja gut ausgestattet und haben einen Brotbackautomaten mit diversehen Brotbackmischungen. Also backen wir heute selbst. Von wegen, auch der Automat arbeitet nicht ohne Strom. Also leben wie unsere Vorfahren - Kerzenlicht, kochen auf Feuer im Küchenherd, zeitig schlafen gehen, weil selbst lesen im Kerzenlicht nicht wirklich erfreulich ist. Dafür haben wir mittlerweile Meisenknödel geknetet und Futterstellen für die vielen Vögel im Garten eingerichtet.
Da haben unsere Katzen auch viel Spaß.
Zum Glück dann leuchteten am Samstag nachmittag die Lampen wieder, das Radio spielte und der Elektroherd ließ sich einschalten - willkommen in der Zivilisation. Am Sonntag mittag kam sogar ein Schneepflug durch unsere kleine Straße, auf dem Beifahrersitz der Bürgermeister unseres kleinen Ortes höchstselbst. Nun müssen wir nur noch das Auto freischaufeln und hoffen, dass die nächsten Schneefälle nicht allzu krass werden.
Nun mal schnell die Fotos im vergangenen Blog nachliefern und einen neuen schreiben.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Der Schnee hat uns erreicht


Nach einigen Tagen Aufenthalt in Sofia zurück im stillen Varvara. Allerdings hatte sich Sofia diesmal von einer friedlichen Seite gezeigt - mal abgesehen vom üblichen Großstadtlärm. Der letzte Mafia-Mord lag einige Tage zurück - der "Journalist" Bobi Tsankov in der Mittagszeit im Sofioter Stadtzentrum beim verlassen seines Autos erschossen worden. Der Begriff Journalist, mit dem Tsankov vielfach bezeichnet wurde, ist wohl nicht ganz zutreffend. Er war wohl eher so eine Art DJ im Radio und bekannt dafür, dass er Geld für Werbezeit im Radio genommen, die Werbespots aber nie gesendet hatte. Er rühmte sich in jüngerer Vergangenheit auch damit, gute Kontakte zur Unterwelt zu haben. In einem Buch wollte er jetzt über die dort gemachten Erfahrungen berichten. Ob das die Ursache für den Mord war oder eine an anderer Stelle veröffentlichte Information, dass er nämlich demnächst in einem Mafia-Prozess aussagen wollte, ist nicht bekannt. Allerdings wurde bereits wenige Tage nach den tödlichen Schüssen eine vermeintliche Mafia-Größe in Sofia festgenommen.
Nun ja, wir haben von solchen Ereignissen zum Glück nicht direkt sondern nur von Freunden und aus Pressemeldungen erfahren.

Jetzt sind wir also wieder in unserem Dorf, und seit gestern morgen auch so ziemlich eingeschneit. Also erst mal vorbei mit Frühling. Rund 30 cm Schnee sind gefallen, jetzt soll es auch noch kalt werden - bis minus 12 Grad und weitere Schneefälle werden für das Wochenende angedroht. Und dabei hatten wir uns gerade noch gefreut, dass die Kälte in Deutschland uns verschont. Der Winter, der Bulgarien bislang verschont hat, hält nun also auch hier Einzug.

Unseren Katzen gefällt das Wetter ganz unterschiedlich gut. Stummel, die das Haus eigentlich gar nicht gern verlässt und lieber am warmen Kamin liegt, ist fast nur noch im Garten. Sie findet es einfach toll die Schneewehen umzupflügen und mit dem Kopf durch zu tauchen. Dafür ist der leidenschaftliche Vogel- und Rattenfänger Tussel mit seinem langen Fell von dem vielen Schnee nicht entzückt. Das muss er sich nicht antun- beim Springen durch den Garten bis zum Hals im lockeren Schnee versinken. Da bleibt er jetzt lieber auf der warmen Decke liegen.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Jordanov den oder Wodinitzi


Eigentlich hatten wir uns nach Neujahr auf eine eher ruhige Zeit eingestellt. War aber ein Irrtum. Am 6. Januar lud uns Denka zum Kaffee ein - Jordanov-den. An dem Tag wird Johannes des Täufers gedacht, der Jesus im Jordan taufte. Da feiern in Bulgarien alle, die Jordan, Jordanka, Jonko oder ähnliche Namen tragen, ihren Namenstag. Und da Denka einen Sohn namens Jordan hat, genannt Dantscho, also Kaffeetrinken. Aber der Tag hat für die Bulgaren noch eine andere Bewandtnis, erfuhren wir beim Kaffee. Es wird in vielen Gegenden das Erscheinungsfest gefeiert, auch Wasserfest genannt - Wodinitzi. Ein Pope hält eine Andacht am Fluss, See oder auch am Meer. Das Wasser wird sozusagen geweiht, mit dem Gebet und dem Kreuz. Sicher hat das auch etwas zu tun mit rituellen Bräuchen, die sich der reinigenden und wundertätigen Kraft des Wassers bedienen.
Das wollten wir sehen, also auf nach Zarewo. Im Hafen von Zarewo hatten sich schon viele Besucher versammelt. Der Priester kam, sprach ein Gebet und segnete das Wasser mit einem Kreuz. Das Kreuz - in dem Falle ein großes hölzernes - wird nach dem Segensspruch ins Wasser geworfen. Und junge Männer springen hinterher um es wieder an Land zu holen. Wer das Kreuz als erster erreicht wird vom Popen gesegnet und soll das ganze Jahr über besonders viel Glück haben. Fünfzehn junge Männer wollten ihr Glück versuchen und sprangen in die kalten Fluten. Die Wassertemperatur weiß ich nicht, aber an Land hatten wir immerhin 14 Grad, also wahrlich keine arktische Kälte. Anschließend fuhren wir nach Achtopol, dort fand im Hafen am Mittag die gleiche Zeremonie statt. Aber entweder gibt es dort keine mutigen jungen Männer - oder sie waren verhindert. Nur zwei versuchten dort ihr Glück.
Heute, am 7. Januar, ist schon seit dem frühen abend laute Musik aus verschiedenen Ecken unseres kleinen Varvara zu hören - Iwan hat heute Namenstag. Iwan wird abgeleitet vom altgriechischen Ioannes abgeleitet. Und Iwan heißen, der Musik nach zu urteilen, doch etliche Männer im Dorf.
Ach ja, morgen gibt es auch noch einen Anlass zum Feiern - der 8. Januar ist in Bulgarien der Oma-Tag. Der Tag würdigt nicht nur die Großmütter, sondern vor allem die Geburtshelferinnen, die Hebammen. Aber auch das Feiern sollte man sich einteilen. Deshalb wird der Großmuttertag bei uns hier erst am 21. Januar gefeiert, nach dem alten Kalender.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Mit Prügel ins neue Jahr



Weihnachten haben wir gut überstanden. Heiligabend haben wir mit Freunden ganz auf bulgarisch gefeiert: sieben verschiedene Gerichte kommen auf den Tisch, aber nur vegetarische. Es ist der letzte Tag der 40tägigen Fastenzeit. Die Speisen sind traditionell: Bohnen- und Linsengerichte, Sarmi (das sind kleine Krautwickel, in dem Fall mit Reisfüllung), gefüllte Paprika, Brot und Baniza, ein in Bulgarien allgegenwärtiges und mit Käse oder auch süß mit Honig und Walnüssen gefülltes Blätterteiggebäck. In der Baniza versteckt sind Glückslose mit Segenssprüchen für das kommende Jahr.

Die Koledari kamen dann in der Weihnachtsnacht tatsächlich auch zu uns: Eigentlich wollten wir kurz vor Mitternacht schon schlafen gehen, weil es ganz ruhig im Dorf war. Doch dann hörte ich in einer benachbarten Straße Gesang und den Klang der Trommel und der Gajda: Also wieder angezogen und warten. Ein großer Teller mit Wurst, saure Gurken und Gläser standen bereit. Es war dann kurz nach ein Uhr, als die Koledari singend durch unseren Garten kamen: Steh auf, Hausherr, steh auf, denn gute Gäste stehen vor der Tür, gute Gäste, koledari.
Sie segneten das Haus und seine Bewohner. Alles haben wir leider nicht verstanden, aber es war für uns schon berührend, wie ernsthaft dieser Brauch hier noch geübt wird. Seit sieben Uhr abends waren sie unterwegs, sagte uns Tapa, der Gajdaspieler und Anführer der Männerschar. Bis morgens um sieben würden sie noch weiterziehen, mit einem letzten Lied und einer Hora auf dem Dorfplatz die Weihnachtsnacht beenden. Von uns gab es eine kleine Stärkung, einen Schluck Wein, bevor es weiterging ins Nachbarhaus.
Silvester feierten wir auch mit Freunden, mit Musik und Tanz. Tanzen ist Pflicht, nur wer in der Silvesternacht tanzt bleibt im neuen Jahr gesund. Da es unserer Gesundheit aber nicht sehr gut tat, dass die kleine Kneipe ganz blaugeraucht war (hier darf in öffentlichen Räumen noch geraucht werden) machten wir zwischendurch einen Spaziergang - und erlebten nicht nur den zweiten Dezembervollmond, sondern als Zugabe auch noch eine Teil-Mondfinsternis.

Den Neujahrsmorgen erlebten wir mit Prügel - nein, keine entartete Feier. Halb neun standen die ersten Kinder vor der Tür, ließen ihre geschmückten Kornelkirschzweige auf unsere Rücken sausen und wünschten dabei unserem Haus und uns viel Glück, eine reiche Ernte, süße Äpfel und großen Trauben im neuen Jahr. Von weiterer Prügel konnten wir uns freikaufen mit Süßigkeiten und Kleingeld. Die Zeremonie wiederholte sich später von weiteren Kindern. Auch diese Art des Neujahrssegens ist ein alter bulgarischer Brauch.