Mittwoch, 6. Januar 2010

Mit Prügel ins neue Jahr



Weihnachten haben wir gut überstanden. Heiligabend haben wir mit Freunden ganz auf bulgarisch gefeiert: sieben verschiedene Gerichte kommen auf den Tisch, aber nur vegetarische. Es ist der letzte Tag der 40tägigen Fastenzeit. Die Speisen sind traditionell: Bohnen- und Linsengerichte, Sarmi (das sind kleine Krautwickel, in dem Fall mit Reisfüllung), gefüllte Paprika, Brot und Baniza, ein in Bulgarien allgegenwärtiges und mit Käse oder auch süß mit Honig und Walnüssen gefülltes Blätterteiggebäck. In der Baniza versteckt sind Glückslose mit Segenssprüchen für das kommende Jahr.

Die Koledari kamen dann in der Weihnachtsnacht tatsächlich auch zu uns: Eigentlich wollten wir kurz vor Mitternacht schon schlafen gehen, weil es ganz ruhig im Dorf war. Doch dann hörte ich in einer benachbarten Straße Gesang und den Klang der Trommel und der Gajda: Also wieder angezogen und warten. Ein großer Teller mit Wurst, saure Gurken und Gläser standen bereit. Es war dann kurz nach ein Uhr, als die Koledari singend durch unseren Garten kamen: Steh auf, Hausherr, steh auf, denn gute Gäste stehen vor der Tür, gute Gäste, koledari.
Sie segneten das Haus und seine Bewohner. Alles haben wir leider nicht verstanden, aber es war für uns schon berührend, wie ernsthaft dieser Brauch hier noch geübt wird. Seit sieben Uhr abends waren sie unterwegs, sagte uns Tapa, der Gajdaspieler und Anführer der Männerschar. Bis morgens um sieben würden sie noch weiterziehen, mit einem letzten Lied und einer Hora auf dem Dorfplatz die Weihnachtsnacht beenden. Von uns gab es eine kleine Stärkung, einen Schluck Wein, bevor es weiterging ins Nachbarhaus.
Silvester feierten wir auch mit Freunden, mit Musik und Tanz. Tanzen ist Pflicht, nur wer in der Silvesternacht tanzt bleibt im neuen Jahr gesund. Da es unserer Gesundheit aber nicht sehr gut tat, dass die kleine Kneipe ganz blaugeraucht war (hier darf in öffentlichen Räumen noch geraucht werden) machten wir zwischendurch einen Spaziergang - und erlebten nicht nur den zweiten Dezembervollmond, sondern als Zugabe auch noch eine Teil-Mondfinsternis.

Den Neujahrsmorgen erlebten wir mit Prügel - nein, keine entartete Feier. Halb neun standen die ersten Kinder vor der Tür, ließen ihre geschmückten Kornelkirschzweige auf unsere Rücken sausen und wünschten dabei unserem Haus und uns viel Glück, eine reiche Ernte, süße Äpfel und großen Trauben im neuen Jahr. Von weiterer Prügel konnten wir uns freikaufen mit Süßigkeiten und Kleingeld. Die Zeremonie wiederholte sich später von weiteren Kindern. Auch diese Art des Neujahrssegens ist ein alter bulgarischer Brauch.

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