Sonntag, 19. September 2010

Gestern hatten wir eine Roma-Hochzeit im Dorf

Der Klang von Trommeln und einer Klarinette am gestrigen Vormittag ließ uns aufhorchen - aha, die Hochzeit beginnt. Zwei junge Roma (irgendwo habe ich gelesen "Lass den Quatsch, sie nennen sich selbst Zigeuner") aus unserem Dorf feiern ihre offizielle Hochzeit.
Die beginnt bei strahlendem Sonnenschein mit dem Gang des Bräutigams, den Brauteltern  und seinen Freunden zum Haus des Brautzeugen, der wohl auch als so eine Art Hochzeitsbitter fungiert. Hier wird musiziert und palavert, auch schon mal ein Schlückchen auf die bevorstehende Hochzeit getrunken. Brautkleid, Brautschuhe und Brautschmuck werden den inzwischen eingetroffenen Gästen vorgeführt.
Dann macht sich der Zug mit Musikbegleitung und Jubelrufen auf den Weg durch das Dorf zum Haus der Braut. Dort wartet schon der Rest der Hochzeitsgäste einschließlich zahlreicher sonstiger Dorfbewohner. Brautzeugin samt Brautkleidung verschwinden im Haus, draußen wird indessen geschwatzt und gewartet. Dann endlich der große Moment - die Braut erscheint in der Tür - eine überaus schöne Braut. Und natürlich wird sie beklatscht und bejubelt. Reis wird nicht geworfen, statt dessen zur Freude der anwesenden Kinder jede Menge Bonbons.
Der Hochzeitszug formiert sich neu, angeführt mit den Brautzeugen, der Braut, dem Bräutigam, zwei entzückenden kleinen Brautjungfern, der Musik und dann den vielen Gästen und Neugierigen. Laut hupend fahren einige Autos hinterher. Vor dem Bürgermeisteramt versammeln sich die Hochzeitsgesellschaft. Sonstige Neugierige aus dem Dorf  auf der anderen Straßenseite.
Fröhlich geht es zu und natürlich wird hier zur Musik getanzt, eine Hora, in die auch das Brautpaar einbezogen ist. Brautpaar und Trauzeugen verschwinden schließlich im Bürgermeisteramt, wo der offizielle Akt der Trauung vollzogen wird. Anschließend macht sich die Hochzeitsgesellschaft auf in die Nachbarstadt Zarewo, wo bis zum Abend gefeiert wird.

Dienstag, 14. September 2010

Weinlese in Varvara

Der Herbst kommt. Die Anzahl der Schwalben, die allmorgendlich ihre Flugübungen über unserem Haus absolvieren, hat sich deutlich verringert. Und von ferne sind wieder die Rufe der Bienenfresser zu hören, die in kleinen Gruppen auf dem Weg nach Süden sind. Storchenschwärme haben wir über dem Dorf noch nicht gesichtet, aber man kann ja auch nicht den ganzen Vormittag über wie Hans-Guck-in-die Luft durch die Gegend stolpern.
Ein weiteres Zeichen für den nahenden Herbst - die Weintrauben sind reif. Wir haben sie jetzt geerntet und sind damit die ersten im Dorf. Das liegt wohl daran, dass wir nicht so edle Sorten haben. Unsere sind sozusagen naturbelassen, nicht veredelt und wir kennen auch ihren Namen nicht. Eigentlich haben wir sie vor einigen Jahren als eine weiße und eine blaue Traubensorte geschenkt bekommen. Das schien sich auch so zu bestätigen. Die Trauben der einen Sorte färbten sich im August allmählich dunkelblau, die anderen blieben grün. Aber zwei Wochen später, als die ersten Trauben allmählich süß wurden, hatten es sich die am zweiten Weinstock anders überlegt und erröteten allmählich. Im September waren sie dann ebenfalls dunkelblau und schön süß. Ist ja auch egal. Eigentlich sollten die Pflanzen ja dazu dienen, unsere Terrasse vor allzuviel Sonne zu schützen. Das tun sie auch, Und ganz nebenher bescheren sie uns jedes Jahr mehr Trauben. In den vergangenen Jahren konnten wir sie noch zu Saft und einem leckeren Traubengelee verarbeiten. Aber in diesem Jahr waren so viele gewachsen, dass wir beschlossen haben, sie zum beliebtesten Traubenprodukt zu veredeln - nein nicht zu Rosinen sondern zu Wein. Dass wir die ersten im Dorf sind die ihren Wein ernten  sagte uns Dimo, seit vielen Jahren treuer Freund und Helfer in vielen Lebenslagen dank seiner deutschen Sprach- und auch sonst vieler Kenntnisse. Unter anderem der vom Wein- und Schnapsherstellen. Da er Jo auf dem Gebiet wegen fehlender praktischer Efahrungen nicht ganz so viel zutraut kam er in den ersten Tagen sogar täglich vorbei um den Zuckergehalt des Mostes zu prüfen.
Jetzt gärt der fast-Wein im Keller so vor sich hin und wird demnächst abgezogen - um zu reifen und dann hoffentlich gut zu schmecken. Und wenn er nicht schmecken sollte, so tröstete vorsorglich ein Bekannter, dann hätten wir immer noch was zum Verschenken. Und Weinessig sei schließlich auch gar nicht so schlecht.

Montag, 6. September 2010

Tag der Vereinigung in Bulgarien

Der 6. September ist in Bulgarien so etwas wie der 3. Oktober für die Deutschen - der Tag der Vereinigung. Nur dass er hier auf ein Ereignis zurückgeht, das 125 Jahre zurückliegt. Deshalb hier mal wieder ein Ausflug in die Geschichte: Mit der Befreiung von der 500 Jahre währenden Türkischen Besatzung im russisch-türkischen Krieg wurde 1878 mit dem Vorfriedensvertrag von San Stefano festgelegt, dass Bulgarien ein autonomes Fürstentum werden soll. Das freilich rief andere europäische Staaten auf den Plan, die ein mit Russland befreundetes Großreich auf der Balkanhalbinsel verhindern wollten. Besonders England drohte mit Krieg, unterstützt von Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn. Der Berliner Kongress legte schließlich nach langwierigen Verhandlungen andere Grenzen fest: Das Gebiet wurde dreigeteilt, nur ein kleiner Teil sollte Bulgarien heißen. Das heutige Nordbulgarien mit dem Gebiet von Sofia sollte  ein autonomes aber den Türken tributpflichtiges Lehnsfürstentum bilden.Südbulgarien sollte unter der Bezeichnung Ostrumelien eine von der Hohen Pforte halbabhängige Provinz mit ausgedehnter administrativer Autonomie bleiben.
Der dritte Teil Bulgariens von San Stefano, also das gesamte Mazedonien, wurde wieder der direkten und uneingeschränkten Autorität des Sultans unterstellt. Entscheidungen, die für die meisten Bulgaren bis heute nicht verschmerzt sind und die immer wieder zu Diskussionen über eigentliche Landesgrenzen führen: Mazedonien, so eine landläufige Meinung, gehört eigentlich zu Bulgarien.
Zumindest Nord- und Südbulgarien wurden schließlich vereinigt. 1885 bildete sich in Plovdiv ein revolutionäres Komitee, das in vielen größeren Städten und Gemeinden Südbulgariens Vertretungen hatte. Am  6. September 1885 erklärte schließlich  nach zahlreichen Massenprotesten und Kundgebungen und nach der Nachricht, dass die Armee Nordbulgariens zum Einmarsch bereitsteht, die Revolutionsführung den Ostrumelischen Gouverneur für abgesetzt und die Vereinigung für vollzogen. Der bulgarische Fürst Alexander I. marschierte in Plovdiv ein und wurde gefeiert als der Herrscher über ganz Bulgarien. Die europäischen Großmächte stellten sich gegen die Vereinigung, selbst Russland zog sich zurück und Serbien führte Krieg gegen Bulgarien, unterlag jedoch. Daraufhin wurde die Vereinigung in Europa anerkannt.
Und was hat dieser Feiertag mit unserem Dorf Varvara zu tun?
Immer am Wochenende so um den 6. September herum wird hier das Panair, das alljährliche Dorffest gefeiert. Es beginnt gegen Mittag mit einem Gottesdienst und einem Kurban, einer Suppe aus einem Opferlamm, am kleinen Paraklis, der Kapelle in der Nähe des Dorfes.Hier treffen sich die Dorfbewohner zum Segen des Popen und zum gemeinsamen Mahl, an dem jeder teilhaben kann. Das eigentlich Fest ist dann am Abend im Dorfzentrum mit viel Musik, mit Essen und Trinken und Tanz. Der Bürgermeister hält eine kleine Rede, in den vergangenen Jahren hat auch Landrat Arnaudov kämpferische Reden zum Vereinigungstag gehalten. Ihren Inhalt konnten wir mangels ausreichender Sprachkenntnisse nicht verstehen, aber es fühlte sich immer so an  wie: Es lebe der Sozialismus, es lebe der Erste Mai - sie leben hoch, hoch, hoch. Er wird es nicht gesagt haben, aber es klang so. Dieses Jahr hat Arnaudov übrigens nicht gesprochen. Vielleicht hing ihm ja das Fernsehinterview vor einer Woche noch an, wo er und seine Parteivorsitzende in einer
Morgensendung  für sie offenbar völlig überraschend mit recht vielen und sehr konkreten Korruptionsvorwürfen konfrontiert wurden. Arnaudov verweigerte sozusagen die Aussage, die Parteichefin verließ wutentbrannt den Senderaum. Also diese Rede blieb allen diesmal erspart, statt dessen als es völlig dunkel war dann wieder der Höhepunkt des Festes: die Nestinarki , die Feuertänzer. Der Feuertanz hat hier eine lange Tradition, die begründet sein soll im kleinen Strandsha-Dorf Bulgari ganz hier in der Nähe. Meiost sind es ältere Frauen, die mit bloßen Füßen über die Holzkohleglut tanzen.
Das Fest fand damit einen Höhepunkt, trotz heftigen Regengusses aber noch längst kein Ende. Bis Mitternacht, wenn die Musiker auf der Bühne ihren Auftritt benedet haben, gibt es Strandsha-Musik: Musik mit Dudelsack, Klarinette, Gadulka, Trommeln, Akkordeon. Im Grunde wurde von Freitag bis Montagmorgen, dem eigentlichen Feiertag, durchgefeiert. Drei tolle Tage also oder anders ausgedrückt: Drei Nächte dröhnend  laute Musik für eine recht kleine Gruppe Jugendlicher im Zentrum des Dorfes, sehr zum Ärger vieler Anwohner, für die an Schlaf nicht zu denken war.