Montag, 6. September 2010

Tag der Vereinigung in Bulgarien

Der 6. September ist in Bulgarien so etwas wie der 3. Oktober für die Deutschen - der Tag der Vereinigung. Nur dass er hier auf ein Ereignis zurückgeht, das 125 Jahre zurückliegt. Deshalb hier mal wieder ein Ausflug in die Geschichte: Mit der Befreiung von der 500 Jahre währenden Türkischen Besatzung im russisch-türkischen Krieg wurde 1878 mit dem Vorfriedensvertrag von San Stefano festgelegt, dass Bulgarien ein autonomes Fürstentum werden soll. Das freilich rief andere europäische Staaten auf den Plan, die ein mit Russland befreundetes Großreich auf der Balkanhalbinsel verhindern wollten. Besonders England drohte mit Krieg, unterstützt von Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn. Der Berliner Kongress legte schließlich nach langwierigen Verhandlungen andere Grenzen fest: Das Gebiet wurde dreigeteilt, nur ein kleiner Teil sollte Bulgarien heißen. Das heutige Nordbulgarien mit dem Gebiet von Sofia sollte  ein autonomes aber den Türken tributpflichtiges Lehnsfürstentum bilden.Südbulgarien sollte unter der Bezeichnung Ostrumelien eine von der Hohen Pforte halbabhängige Provinz mit ausgedehnter administrativer Autonomie bleiben.
Der dritte Teil Bulgariens von San Stefano, also das gesamte Mazedonien, wurde wieder der direkten und uneingeschränkten Autorität des Sultans unterstellt. Entscheidungen, die für die meisten Bulgaren bis heute nicht verschmerzt sind und die immer wieder zu Diskussionen über eigentliche Landesgrenzen führen: Mazedonien, so eine landläufige Meinung, gehört eigentlich zu Bulgarien.
Zumindest Nord- und Südbulgarien wurden schließlich vereinigt. 1885 bildete sich in Plovdiv ein revolutionäres Komitee, das in vielen größeren Städten und Gemeinden Südbulgariens Vertretungen hatte. Am  6. September 1885 erklärte schließlich  nach zahlreichen Massenprotesten und Kundgebungen und nach der Nachricht, dass die Armee Nordbulgariens zum Einmarsch bereitsteht, die Revolutionsführung den Ostrumelischen Gouverneur für abgesetzt und die Vereinigung für vollzogen. Der bulgarische Fürst Alexander I. marschierte in Plovdiv ein und wurde gefeiert als der Herrscher über ganz Bulgarien. Die europäischen Großmächte stellten sich gegen die Vereinigung, selbst Russland zog sich zurück und Serbien führte Krieg gegen Bulgarien, unterlag jedoch. Daraufhin wurde die Vereinigung in Europa anerkannt.
Und was hat dieser Feiertag mit unserem Dorf Varvara zu tun?
Immer am Wochenende so um den 6. September herum wird hier das Panair, das alljährliche Dorffest gefeiert. Es beginnt gegen Mittag mit einem Gottesdienst und einem Kurban, einer Suppe aus einem Opferlamm, am kleinen Paraklis, der Kapelle in der Nähe des Dorfes.Hier treffen sich die Dorfbewohner zum Segen des Popen und zum gemeinsamen Mahl, an dem jeder teilhaben kann. Das eigentlich Fest ist dann am Abend im Dorfzentrum mit viel Musik, mit Essen und Trinken und Tanz. Der Bürgermeister hält eine kleine Rede, in den vergangenen Jahren hat auch Landrat Arnaudov kämpferische Reden zum Vereinigungstag gehalten. Ihren Inhalt konnten wir mangels ausreichender Sprachkenntnisse nicht verstehen, aber es fühlte sich immer so an  wie: Es lebe der Sozialismus, es lebe der Erste Mai - sie leben hoch, hoch, hoch. Er wird es nicht gesagt haben, aber es klang so. Dieses Jahr hat Arnaudov übrigens nicht gesprochen. Vielleicht hing ihm ja das Fernsehinterview vor einer Woche noch an, wo er und seine Parteivorsitzende in einer
Morgensendung  für sie offenbar völlig überraschend mit recht vielen und sehr konkreten Korruptionsvorwürfen konfrontiert wurden. Arnaudov verweigerte sozusagen die Aussage, die Parteichefin verließ wutentbrannt den Senderaum. Also diese Rede blieb allen diesmal erspart, statt dessen als es völlig dunkel war dann wieder der Höhepunkt des Festes: die Nestinarki , die Feuertänzer. Der Feuertanz hat hier eine lange Tradition, die begründet sein soll im kleinen Strandsha-Dorf Bulgari ganz hier in der Nähe. Meiost sind es ältere Frauen, die mit bloßen Füßen über die Holzkohleglut tanzen.
Das Fest fand damit einen Höhepunkt, trotz heftigen Regengusses aber noch längst kein Ende. Bis Mitternacht, wenn die Musiker auf der Bühne ihren Auftritt benedet haben, gibt es Strandsha-Musik: Musik mit Dudelsack, Klarinette, Gadulka, Trommeln, Akkordeon. Im Grunde wurde von Freitag bis Montagmorgen, dem eigentlichen Feiertag, durchgefeiert. Drei tolle Tage also oder anders ausgedrückt: Drei Nächte dröhnend  laute Musik für eine recht kleine Gruppe Jugendlicher im Zentrum des Dorfes, sehr zum Ärger vieler Anwohner, für die an Schlaf nicht zu denken war.

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