Freitag, 24. Dezember 2010

Es weihnachtet (nicht) sehr

Nach ausgedehntem Deutschlandaufenthalt mit erfreulichem Wiedersehen von Familie und Freunden, nach viel Kultur, zahlreichen Gesprächen, vielen Einkäufen, nachdem wir erst angefroren und dann eingeschneit sind und zu guter Letzt kurz vor Sofia auch noch fast von der Straße gespült wurden sind wir nun endlich wieder zu Hause in unserem kleinen und ruhigen Varvara. Der Schnee hat uns auch hier eingeholt, wie die eingeschneiten Früchte der Passionsblume zeigen, aber er blieb nur zwei Tage. Nach reichlich viel Regen ist es wieder warm geworden - und das soll bis mindestens Silvester auch so bleiben.
Aber ob mit oder ohne Schnee - eine weihnachtliche Stimmung wie auf dem verschneiten Dresdner Striezelmarkt ist hier in Bulgarien ohnehin eher die Ausnahme. Sicher gibt es an zentralen Plätzen und in Einkaufszentren geschmückte Tannenbäume und Weihnachtsschmuck, auch bunte blinkende Lichter in vielen  Fenstern - aber sonst gibt es hier kaum sichtbare Adventsbräuche. Und wenn man ein wenig genauer hinschaut weiß man auch, dass die meisten ganz andere Sorgen haben als den Einkauf von Geschenken. Viele Bulgaren sind vielmehr gezwungen sich darum zu sorgen, wie sie ein einfaches Essen für den nächsten Tag auf den Tisch bringen, wovon sie es bezahlen sollen. Da ist für Geschenke bei den meisten nichts übrig. Kaum einer hier hat Arbeit - die Krise im Baugewerbe hält an, sonstige Arbeitsplätze gibt es kaum. Der Sozialhilfesatz liegt bei 36 Lewa pro Personm und Monat, das sind 18 Euro. Das reicht auch hier nicht zum Leben. Unsere fleißige Helferin und mittlerweile gute Freundin Denka erzählte uns vor wenigen Tagen von der katastrophalen Situation einer Frau aus dem Dorf: Sie kam zu ihr, der Zigeunerin, und bat sie um etwas Brot. Sie war Verkäuferin in einem kleinen staatlichen Laden im Dorf. Der wurde vor einem Jahr geschlossen - weil an seine Stelle ein "Supermarkt" gebaut werden sollte. Eine "Post" steht ja schon mitten im Dorf, oder besser gesagt ein Appartmenthaus, in dem eine Post untergebracht werden sollte - die braucht ein Dorf mit300 Einwohnern ja auch. Aber solche Begründungen für Neubauten müssen schon herhalten wenn kommunales Eigentum für "nen Appel und ein Ei" an dubiose Investoren verschoben werden sollen. Jetzt also angeblich ein Supermarkt, dabei können die drei kleinen Tante-Emma-Läden im Dorf kaum existieren. Wie auch, wenn ohnehin keiner Geld hat auch nur das tägliche Brot zu kaufen. Wir haben jetzt Mehl gekauft für Denka, damit sie ihrer Familie und auch ihrer Bekannten eine Zeit lang Brot backen kann. Und für ein paar weitere notwendige Lebensmittel wird noch ein Weihnachtspäckchen gepackt.