Donnerstag, 6. Oktober 2011

Wahlkampf in Bulgarien

Alle, alle sind sie weggezogen: Die Störche sind lange weg, die Bienenfresser haben sich nach Süden verabschiedet und auch die Schwalben sind so ziemlich lange weg. Aber manche sind auch gekommen - Ratten in unser Haus. Unterm Dach haben sie sich, dem Getrappel nach zu urteilen, wohnlich eingerichtet. Dem Getrappel lauschen unsere  Katzen sehr interessiert, aber sie können leider nicht hin. Deshalb also wieder Fallen aufstellen. Und sie gehen auch wirklich rein, zwei haben wir schon erlegt.
Heute ist hier im Dorf ein Pferd erschossen worden.

Aber hier im Lande gibt es noch weitere unangenehme Mitbewohner. Und die machen mit lautstarken Aktionen zur Zeit mobil gegen die Zigeuner. Auslöser war ein tödlicher Unfall. In einem Dorf wurde ein junger Bulgare von Zigeunern überfahren. Sie sollen ihn absichtlich überfahren haben, so hört man. Das Dorf wird beherrscht von einem millionenschweren Mafiaboss der Zigeuner. Zar Kiro lässt er sich nennen, sein Geld soll er mit dem Verkauf von schwarz gebranntem Schnaps und mit Mädchenhandel verdienen. Aufgeputschte Jugendliche haben nach dem tödlichen Unfall einige seiner Häuser angezündet. Zar Kiro wurde verhaftet, weil er den Anführern der Täter mit dem Tod gedroht haben soll. Vor allem am vergangenen Wochenende gab es in mehreren Städten, vor allem aber in Sofia, lautstarke Demonstrationen. Rechtsradikale, rassistische Aktionen, allen voran die radikale Partei Attaka. Deren Führer hat die Todesstrafe für Leute wie Zar Kiro gefordert. Wir haben hier noch nicht erlebt, dass er solche Forderungen gegen bulgarische Mafiabosse erhoben hätte, die auch nicht zimperlich sind wenn ihnen Leute im Weg sind. Aber es ist ja Wahlkampf. Im Oktober werden Bürgermeister gewählt und auch die Präsidentenwahl steht an. Da sind viele Stimmen zu holen mit Aktionen gegen Minderheiten wie die Roma. Sie sind nicht eben angesehen hier im Lande: Faul, ungebildet, kriminell und Schmarotzer, so die Vorwürfe. Nicht unberechtigt manches: Vor allem in den größeren Städten, in denen ein Großteil der Roma in Slums lebt, ist die Kriminalität hoch. Sie bezahlen weder Strom noch Wasser, so die Vorwürfe, und der Staat tut nichts dagegen. Über die Ursachen und Möglichkeiten für Veränderungen will jedoch keiner wirklich diskutieren. Integration ist ein langer Prozess. Und wie eine große Volksgruppe integrieren wenn das Land weder Geld noch Arbeitsplätze hat. Aber: Zur Zeit ist Wahlkampf. Und da wird natürlich lautstark diskutiert - über Veränderungen, über Toleranz, über Programme zur Integration. Mal sehen was wirklich passiert wenn der Wahlkampf vorbei ist.
Wir haben übrigens Glück in unserem Dorf. Die Roma, die hier leben, sind weitgehend integriert. Wenn sie Arbeit bekommen, dann arbeiten sie - fleißig und diszipliniert. Sie haben sich kleine Häuser gebaut, schicken ihre Kinder zur Schule, einige auch aufs Gymnasium. Einige wenige von hier studieren sogar. Aber schwer ist das für sie schon, in einem Land, in dem Arbeitsplätze rar sind.
An dieser Stelle ein kleines Dankeschön für zwei Kommentare von "Anonymus". Ich freue mich über jede Reaktion auf meine Seiten. Da ich direkt nicht antworten kann, die Antwort auf diesem Weg. Wenn es so erscheint dass in diesem Blog vor allem das Leben der hier lebenden Roma gezeigt wird dann muss ich mal drüber nachdenken wie ich das ändern kann. Dass bei den Ringern beim Dorffest und auch auf anderen Fotos vor allem Roma-Kinder zu sehen sind hat einen guten Grund: Die im Dorf lebenden Bulgaren sind meist schon älter und haben, bis auf eine Ausnahme, keine Kinder im Schüleralter. Und der (bulgarische) Sohn von Mitko hat fleißig mitgekämpft. Außerdem bringen die nicht die Eltern oder Angehörigen ihren Kindern das Ringen bei, es gibt in den Schulen Sportvereine, in denen die Jungen Ringen lernen. Aber auf den anderen Fotos vom Dorf, vor allem am Paraklis, sind durchaus auch Bulgaren und nicht nur Roma zu sehen. Man kann die Fotos vergrößern, dann sieht man das besser. Wir schreiben über das Leben hier im Dorf wie wir es erleben. Wir würden auch gern über Feste, Feiern, Traditionen in anderen bulgarischen Dörfern berichten, aber leider erfahren wir von diesen Festen erst etwas im Internet, wenn sie schon vorüber sind. Sie können uns aber gern mitteilen wenn in Ihrem Dorf etwas interessantes stattfindet - wir werden gern kommen.

1 Kommentar:

  1. Entschuldigung, aber ich halte ihren Bericht hier fuer sehr oberflaechlich. Man kann den Eindruck gewinnen, dass ganze bulgarische Volk sei radikal. So etwas koennte man auch fuer Deutschland schreiben. Besonders im Osten Deutschlands ist ja wohl die Auslaenderfeindlichkeit besonders hoch. Hier werden auch die meisten Naziaufmaersche organisiert. Diese sind auch in fast allen Parlamente dort vertreten.
    Ich halte es nicht fuer sinnvol, den Aufstand gegen die Zigeuner mit dem Wahlkampf zu verbinden. Die Partei der Attaka ist auch nur eine kleine Partei, und wird von Grossteil der Bulgaren nicht toleriert. Stellen sie sich vor, ich schreibe ueber den Wahlkampf in Deutschland, und teile nur mit, was die NPD moechte. So etwas finde ich unserioes. Der Prasident und Ministerpraesident haben sich auch persoenlich um dieses Problem gekuemmert. Das nicht wegen dem Wahlkampf. Sie gehoeren auch nicht der gleichen Partei an, wie sie sicherlich wissen.
    Sie schreiben, dass einige Kinder von den Zigeunern "auch auf das Gymnasium gehen". Welche Schulform gibt es denn noch???? In Bulgarien machen alle das Abitur, bis auf wenige Ausnahmen.
    Zum Schluss: Die Bulgaren sind ein freundliches Volk. Wer hier her kommt, ist Willkommen. Allerdingst sollte sich dieser auch an die Regeln halten. Das sollte eigendlich selbsvertaendlich sein.
    Liebe Gruesse aus Silistra

    AntwortenLöschen