Sonntag, 11. Oktober 2015

Wenn einer eine Reise tut...

Dann kann er oder können sie eine Menge erzählen. Wir haben eine Reise gemacht. Gemeinsam mit Denka und Ilija machten wir uns auf den Weg, Ilijas Freund Gero zu besuchen. Gero, das ist der Gadulka-Spieler, der uns gemeinsam mit Ilijas Gesang schon manches Fest verschönt hat. Er hatte uns eingeladen, ihn in seinem Heimatdorf zu besuchen - Shelezniza, gelegen südlich von Sofia, am Fuße des Vitosha, des Hausberges der Sofioter.
Dorfidylle   
Die Reise ging gut los - gleich an der Tankstelle versagte der Caravan den Dienst. Also in die Werkstatt, dann zurück in unser Dorf und mit dem PKW auf Tour.
Erwartungen auf und an unsere Reise hatten wir kaum. Doch was wir erlebten hat uns zutiefst beeindruckt. Geros guten selbst gemachten Wein und selbst gebrannten Rakia kannten wir ja schon von seinen Besuchen in Varvara. Aber er bescherte uns auch vier unvergessliche Tage in seinem Dorf. Dass er ein guter Spieler der Gadulka ist - ein Streichinstrument, das in Bulgarien beheimatet ist und bis zu 13 Saiten hat - wussten wir auch. Doch dieses Mal spielte er uns nicht schlechthin etwas vor, er begleitete vielmehr seine Mutter. Die 92jährige Baba Nevena ist seit früher Jugend eine leidenschaftliche Sängerin. Viele Jahre lang hat sie in einem Folkloreensemble gesungen - Lieder des Balkan, vorallem viele mazedonische Weisen. Und nun also das Ständchen für uns. Ihre Stimme ist immer noch sehr schön, und auch die Texte hat sie nicht vergessen. Am Abend dann gingen wir gemeinsam essen in einen kleinen Imbiss am Rande des Dorfes.
Die trafen wir auch bei Gero

Und dort erwartete uns die nächste Überraschung. Gero hatte einige seiner Freunde eingeladen. Weniger zum Essen und Trinken als vielmehr zum Musizieren. Gadulka, zwei Akkordeons (Weltmeister aus Deutschland, wie sie stolz vorführten), Trommel und kräftige Männerstimmen bescherten uns ein unvergessliches Konzert. Natürlich auch wieder Folklore, Lieder des Balkan und auch hier wieder viele mazedonische Lieder. Es ist für uns ohnehin immer wieder erstaunlich, wie fest verankert in den bulgarischen Familien  die traditionelle Musik, die traditionellen Lieder sind. Wohin man auch kommt, Jung und Alt singen die vielen Volkslieder gemeinsam. Und die Männer in unserer kleinen Kneipe spielten und sangen voller Begeisterung. Die Stunden vergingen wie im Fluge.
Am nächsten Tag dann ein Ausflug zu einer Mineralquelle im Wald dicht am Dorf Shelezniza, das in 1200 Metern Höhe liegt. Die Quelle am Ortsrand wurde schon vor vielen Jahren gefasst. Das Wasser hat 36/37 Grad, das kleine Badehäuschen mit Badebecken dicht neben der Quelle wird gut genutzt. Die Quelle zum Wasserholen, das Häuschen zum Baden. Ursprünglich waren es zwei kleine Badehäuschen, wahrscheinlich getrennt für Männer und Frauen. Das zweite Gebäude ist leider nicht mehr benutzbar. In diesem Sommer sollen hier etliche Obdachlose aufgehalten haben, die Müllberge zeugen vom Aufenthalt.
Am Nachmittag dann ein Ausflug zu einem großen Pferdehof. Hier kann man Reitstunden nehmen, sein Pferd unterstellen und trainieren lassen und auch selbst trainieren. Ich wagte einen kleinen Ausflug hoch zu Roß in die Umgebung: Der Blick vom Pferderücken war phantastisch, auf der einen Seite das Vitoscha-Gebirge, auf der anderen Seite erstrecken sich die Berge des Pirin und der Rhodopen.
Von der Pferderanch ging es weiter nach Samokov. Hier wohnt ein
weiterer Freund Geros, Neyko Neykov, Maler und Bildhauer. Auch das wieder ein unwahrscheinlich interessantes Erlebnis. Besonders beeindruckend das Werk, an dem Neyko zur Zeit arbeitet - ein überlebensgroßer Elefant, zusammengeschweisst aus großen Metallplatten. Noch ist er nicht ganz fertig, aber das meiste ist geschafft. Blieb nur die Frage: wie soll das Riesentier aus dem Grundstück kommen? Alle Türen zu eng und auch die Straße vor dem Grundstück viel zu schmal. Mit dem Hubschrauber, so die lakonische Antwort. Aber das wird der ausländische Auftraggeber regeln.
Nicht nur faszinierende plastische Arbeiten waren zu sehen, auch seine Malereien und die grafischen Arbeiten waren beeindruckend. Und noch eine andere Kunst beherrscht er perfekt - die Kochkunst. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Besuch werden, aber er bestand auf dem gemeinsamen Abendessen mit vielen verschiedenen und überaus wohlschmeckenden Gerichten - Wachteln, Leber, Bohnensuppe, Rindfleischtopf. Unglaublich, dieser Mann.
Drei tolle Tage voller toller Erlebnisse. Das Fazit: So etwas kannst du in keinem Reisebüro kaufen, solche Erlebnisse  können dir nur gute Freunde bieten. Danke, Gero.

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