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Samstag, 6. Oktober 2012

Schönstes Sommererlebnis

Der Garten in voller Blüte
In den frühen Morgenstunden wabern zur Zeit Nebel übers Meer und der Himmel ist wolkenverhängt. Doch spätestens um zehn hat die Sonne Nebel und Wolken gefressen und es ist wieder sonnig und warm. Das Thermometer klettert immer mal wieder auf 30 Grad. Der sehr warme goldene Herbst, hier Zigansko Ljato genannt - Zigeunersommer. Leider immer noch kein Regen, statt dessen gießen, gießen, gießen. Dank kühlerer Nächte und morgendlichen Taus haben sich die meisten Pflanzen von der großen Sommertrockenheit erholt und blühen wieder. Schöne
Farben im Garten, kurz vor unserer Abreise. Die vielen Blüten erinnern an unser diesjähriges schönstes Sommererlebnis, über das ich eigentlich schon längst schreiben wollte. Hier also der Nachtrag.
Ende Juli, gleich nach unserem Besuch in Sliven und Sheravna, kamen Georgi Kalaidshiev und seine Partnerin Maria gemeinsam mit ihren Gießener Freunden Barbara Wolf, Fredrik Vahle und Monika  für ein paar Tage ans Meer nach Varvara. Wir erlebten auch hier ein paar schöne gemeinsame Abende. Der schönste aber war ein ungeplanter, an dem weitere Urlauber aus Deutschland beteiligt waren: Die Bulgarin Leda aus Köln mit ihrem Freund Thomas und dessen Kindern Fritzi, Benni und Michi. Eine fröhliche Familie.
Unser improvisiertes Gartenkonzert wurde ein grosser Erfolg
Als der älteste, Benni, erfuhr, dass Kalaidshiev ein nicht ganz unbekannter Geiger ist, wollte er ihm unbedingt vorspielen. Er spielt seit vielen Jahren selbst Geige und ist erster Geiger im Schulorchester. Und geübt wird auch im Urlaub. Georgi war sofort bereit ihn anzuhören. Und die Idee entstand, am Abend gemeinsam in der uns benachbarten Gaststätte "Starzi Rasboinizi" (Alte Vagabunden) ein kleines Konzert zu geben. Das war ohnehin schon geplant, als Partner wollte natürlich auch Fredrik Vahle mit seinen Liedern und Instrumenten mitwirken. Doch es sollte nicht sein - wir hatten vergessen, für uns alle einen Tisch für den Abend zu bestellen. Also kein gemeinsames Essen und somit auch kein Konzert. Aber das wäre denn doch zu traurig gewesen, sollte es doch ein schöner gemeinsamer Abend werden.

Georgi, Benni und Fredrik beim Musizieren
Also kurz entschlossen alle verfügbaren Tische und Stühle in unserem Garten aufgestellt, alle Vorräte aus dem Kühlschrank zusammengesucht, unsere Gäste brachten auch alle noch etwas mit.
Am Ende gab es ausreichend Getränke, Tomaten, Gurken, Käse und auch etwas Wurst füllten die lange Tafel, die von Kerzen beleuchtet wurde - nur das Brot war etwas knapp. Nach dem fröhlichen Mahl mit anregenden Gesprächen dann der große Auftritt. Schnell noch eine Lampe aufgestellt, damit die Künstler nicht ganz im Finstern musizieren mussten.Aber dann gab es doch noch ein Problem: Benni wollte etwas vom Blatt spielen, wir haben aber keinen Notenständer.

Benni wird bei seinem Solo von den Geschwistern unterstützt
Doch da sprang geistesgegenwärtig sein jüngerer Bruder Michi ein - er stellte seinen Rücken für die Notenblätter zur Verfügung. Das Konzert konnte beginnen. Georgi und Benni spielten Geige, solistisch und auch im Duett, Klassik wurde von Folklore abgelöst, und Fredrik, Barbara und Maria ergänzten die Geigenmusik mit Flöte, einer kleinen Gitarre, diversen anderen Instrumenten und ihren Stimmen.

Die Freude am Spielen und Singen war allen anzumerken, und natürlich brachten sich auch die Zuschauer mit ein. Wir saßen lange in dieser warmen Sommernacht in unserem Garten, entspannt, bei schönem Wein, und der Abend war einfach großartig. Ein erneuter Beweis dafür, dass die spontanen und improvisierten kleinen Feste oftmals einfach die schönsten sind.

Freitag, 24. August 2012

Ein Fest der Musik in Sliven

Es war eine intensive, anstrengende, aber ungemein erlebnisreiche Woche, die wir Ende Juli erlebten.
Singen mit Georgi Kalaidshiev und Fredrik Vahle in Slivens Innenstadt
Unser Freund, der Geigenvirtuose Georgi Kalaidjiev, Initiator des Projektes "Musik statt Straße", hatte nach Sliven eingeladen. Zwei Jahre nach dem Start des Projektes sollten wir, die Namenserfinder für das Projekt, erstmals Gelegenheit haben, die jungen Musikschüler spielen zu sehen und zu hören. Einen kleinen Höhepunkt gab es gleich am Abend unserer Ankunft in Sliven.
Auf einem Platz im Stadtzentrum war zum Konzert geladen. Den Auftakt gaben die Musiklehrer. Doch dann musizierte das Orchester der Kinder, zwischen 7 und 12 Jahren alt und mit einer Musikschulerfahrung zwischen 6 Monaten und zwei Jahren. Und sie spielten konzentriert und mit viel Eifer. Da konnte auch der Wind, der immer mal ein Notenblatt davonwehte, nicht wirklich stören.
Musikbegeisterung sichtbar
Ihre Begeisterungsfähigkeit für jede Art Musik und Bewegung demonstrierten sie dann beim gemeinsamen Singen mit dem Liedermacher Fredrik Vahle, den sie vom Besuch im vergangenen Jahr in Gießen kannten. Mit seinen Mitsing-, Mitspiel- und Mittanzliedern eroberte er die Herzen der jungen Leute ebenso wie das vieler Zuschauer.
Eines der beeindruckendsten Erlebnisse des Konzertes gab es an dessen Ende: Zwei Straßenjungen kamen zur Bühne und fragten, ob bei dem Projekt wirklich jeder ein Instrument lernen kann. Natürlich, so die Antwort von Georgi Kalaidjiev und Radka Kusseva, Leiterin der Musikschule. Sie bestellten die beiden Jungen für den nächsten Tag in das Jugendzentrum, in dem die Prüfungen für die stattfinden würden, die schon länger Musikunterricht erhalten.
Doch der Abend war noch nicht zu Ende. Mit dem Bus ging es in das Wohngebiet Nadeshda: Ghetto für den größten Teil der Slivener Romafamilien, abgetrennt vom Rest der Stadt durch eine Mauer, die die Stadtverwaltung vor Jahren errichten ließ. Der Name Nadeshda bedeutet übrigens Hoffnung - viele der in diesem Ghetto Lebenden, einem der größten in Bulgarien, haben allerdings wenig Hoffnung, was eine Verbesserung ihres Lebens betrifft. Doch ihre Lebensfreude ist ungebrochen. Der zentrale Platz im Viertel war dicht gefüllt, alle warteten auf das Konzert der Kinder des Projektes "Musik  statt Straße. 

Konzert im Romaviertel Nadeshda
Die kleinen Musiker kommen schließlich aus diesem Viertel, und dank dieses Projektes erleben die Kinder und ihre Familien nicht nur kulturelle Bildung sondern auch ein Stück Verbesserung ihrer Lebensqualität. Auch wenn noch nicht alle Töne des jungen Orchesters stimmen - die Begeisterung und der Beifall der Zuschauer waren groß. Wahre Begeisterungsstürme dann beim folgenden Auftritt der Blasformation Karandila jr. Auch das ein Projekt eines Slivener Musikers für junge Leute, allerdings auf dem Gebiet des auch international sehr beliebten Gipsy Brass.
Am nächsten Morgen war dann Prüfung angesagt. In einer Einzelprüfung zeigte jedes Kind, was es mit seinem Instrument gelernt hat. Das Niveau war, entsprechend der unterschiedlichen Lerndauer, sehr unterschiedlich, in den meisten Fällen aber für uns verblüffend gut. Neben vielen anderen Violine- und Klavierspielern hinterließ ein kleines Mädchen den wohl größten Eindruck - die 6jährige Franzi lernt gerade erst mal drei Monate in der Musikschule. Doch mit unglaublichem Selbstbewusstsein kam sie in den Prüfungsraum, in dem zehn Leute vor ihr saßen, nahm ihr Kindercello zwischen die Knie und spielte los. Und das in einer Qualität, als hätte sie ihr ganzes bisheriges Leben nicht anderes getan. Mit der gleichen hohen Qualität hatte zuvor schon ihre ältere Schwester Zwetelina aufgewartet, die seit zwei Jahren Violinunterricht erhält.
Ach ja, die beiden Straßenjungen, die sich am Vorabend für die Musikschule interessierten, waren auch gekommen. 


Möchte auch ein Instrument lernen
Sie waren neugierig, musikbegeistert,  interessiert an den Instrumenten. Sie bekamen alle Informationen zum Projekt, die Anmeldeformulare, aber auch den Hinweis, dass die Aufnahme in das Projekt, das sich ja aus Spendengeldern finanziert, auch Disziplin erfordert - wer wiederholt fehlt darf nicht mehr kommen.

Zum Abschluss der Prüfungen gab es dann aus den Händen von Marie Hauschild, die gemeinsam mit Georgi Kalaidjiev den Großteil der organisatorischen Arbeit in Gießen für das Projekt erledigt, für jedes Kind noch ein kleines Geschenk - zur Verfügung gestellt von Sponsoren aus Gießen.

Was wir in Sheravna mit den Kindern erlebten, dazu in den nächsten Tagen mehr.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Der Berg in Wolken

Drei Tage lang hatte der Berg sein Haupt in Wolken gehüllt. Der Berg - das ist der Papia, mit reichlich 500 Metern höchster Gipfel des Strandsha-Gebirges in der bulgarischen Küstenregion.
Und wenn der sich in Wolken versteckt, so erzählten und Einheimische, dann regnet es bei uns. Also warteten wir nach vier Wochen Trockenheit und Temperaturen über 30 Grad auf Regen. Aber die Wolken ließen sich Zeit, umrundeten unsere Region regelrecht. Doch heute, endlich, nicht nur Wolken und Donner (vom Gewiter und nicht wie vergangene Woche von maritimen Übungsgefechten). Ein hübscher kleiner Regen erfrischte unser Dorf, tränkte zumindest ein wenig den ausgedörrten Boden und wird sicher für nachwachsendes Gras für unsere Pferde sorgen. Im übrigen war es an den letzten beiden Tagen sehr ruhig. Deshalb gleich was geschrieben und den vorherigen Beitrag endlich mit Fotos bestückt.
Dicke Wolken über dem nahen Gebirge
Anni und Bernd sind nach auch für uns sehr schönen und erlebnisreichen Urlaubstagen unter anderem in den Rhodopen (davon später mal mehr) wieder heimgereist. Heute mittag gab es eine spontane Grillparty mit bulgarisch-deutsch-schweizerischer Beteiligung. Sehr angenehme Runde. Morgen hoffen wir auf ein Wiedersehen mit Georgi und Maria, die aber für Varvara nur wenig Zeit haben. Sie müssen wieder nach Sliven, um dort eine Reise junger Musiker vom Projekt Musik statt Straße nach Gießen und Gera vorzubereiten. Wir drücken die Daumen, dass die bisherigen Spenden für Reise und Unterkunft in den Städten reichen. Für die jungen Roma-Musiker wird es mit Sicherheit ein großartiges Erlebnis. Nicht nur dass sie zeigen können was sie in einem Jahr Musikunterricht lernten, für sie wird es auch die ersten größere Reise ihres Lebens werden.